| Lukas Brockfeld |
| 24.04.2026 16:00 Uhr |
Lange Wartezeiten: Viele Menschen fühlen sich im Krankheitsfall nicht gut versorgt. / © Imago/Sven Simon
Die Bundesregierung plant angesichts der stagnierenden Wirtschaft und des demografischen Wandels einschneidende Reformen im Sozialstaat. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) arbeitet beispielsweise an einem Spargesetz für die Gesetzliche Krankenversicherung, das unter anderem höhere Zuzahlungen für Medikamente vorsieht. Auch weitaus radikalere Vorschläge, wie die Streichung aller zahnmedizinischen Behandlungen, tauchten in der Debatte auf.
Am Mittwoch wurde das »Sozialstaatsradar 2026«, für das 3000 Menschen im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), der Arbeitskammer des Saarlandes und der Arbeitnehmerkammer Bremen befragt wurden, vorgestellt. In diesem zeigte sich, dass sich eine große Mehrheit der Deutschen für einen starken Sozialstaat ausspricht und auch dazu bereit ist, dafür hohe Sozialabgaben zu zahlen.
Aktuell fühlen sich viele Menschen nur unzureichend abgesichert. So sagten nur 40 Prozent der befragten gesetzlich Versicherten, dass sie sich im Krankheitsfall »gut« oder »sehr gut« versorgt sehen. Unter den Privatversicherten waren dagegen knapp zwei Drittel mit ihrer Versorgung zufrieden.
Die Wahrnehmung der Pflegeversicherung ist noch negativer. Hier fühlen sich nur 17 Prozent der gesetzlich Versicherten »gut« oder »sehr gut« abgesichert. Auch bei den privat Versicherten war nur knapp jeder Dritte mit der Versorgung zufrieden.
Für das »Sozialstaatsradar« wurde auch nach der möglichen Einführung einer Bürgerversicherung gefragt. Konkret wurde folgende Frage gestellt: »Die Systeme zur Absicherung bei Krankheit und Pflege sind in Deutschland geteilt: Es gibt gesetzliche und private Kassen bzw. Versicherungen. Sind Sie dafür, einheitliche Systeme für alle zu schaffen (›Bürgerversicherung‹)?«.
Die Bürgerversicherung stieß auf große Zustimmung. So sagten fast 80 Prozent der Befragten, dass sie diese Idee »eher« (38 Prozent) oder »in jedem Fall« (39 Prozent) unterstützen. Interessanterweise befürworteten auch 53 Prozent der privat Versicherten die Einführung einer Bürgerversicherung. Unter den Anhängern der SPD, die in der Vergangenheit Wahlkampf mit dem Konzept der Bürgerversicherung machte, unterstützten 81 Prozent die Einführung einer einheitlichen Krankenversicherung. Unter den Wählern der CDU, die die Idee offiziell ablehnt, waren es immer noch 71 Prozent.
»Die Menschen wollen nach wie vor solidarische Sicherungssysteme. Die Privatisierung sozialer Risiken wird als Alternative von großen Teilen abgelehnt«, sagte Anja Piel, Mitglied im geschäftsführenden DGB-Bundesvorstand, am Mittwoch bei einer Pressekonferenz. Die aktuellen Debatten um soziale Kürzungen würden viele Menschen verunsichern. »Notwendig ist aus Sicht der Menschen dagegen ein solidarisches System, das flächendeckend eine gute Absicherung gewährleistet«, so die Gewerkschafterin.