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Anreize schaffen

Geldprämie bei Corona-Impfung?

Sollte man materielle Anreize schaffen, um die Bevölkerung für eine Impfung zum Schutz vor SARS-CoV-2 zu motivieren? Diese Option stellt ausgerechnet ein führender Ethiker zur Diskussion.
Theo Dingermann
09.11.2020  08:00 Uhr

Bald werden Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 verfügbar sein. Diese sind mit einem Tempo entwickelt worden, das sich noch im vergangenen Jahr kaum jemand hatte vorstellen können. Das wiederum verunsichert nicht wenige, die in Frage stellen, dass in einer so kurzen Zeit tatsächlich ein Impfstoff mit der Sorgfalt getestet wurde, die für diese Gruppe von Medikamenten wie für keine andere essenziell ist. So kommt nicht zwingend Begeisterung auf, wenn nach der Bereitschaft gefragt wird, sich impfen zu lassen. Dabei ist es wichtig, dass eine Population möglichst schnell durchgeimpft wird. So kann sich eine Herdenimmunität etablieren, eine Voraussetzung dafür, das Infektionsgeschehen und damit die Pandemie nachhaltig zu kontrollieren.

Eine Impfung erzwingen will niemand. Aber gibt es nicht andere Möglichkeiten, den Anreiz zur Impfbereitschaft zu erhöhen? Darüber denkt nun Julian Savulescu, Professor am Oxford Uehiro Centre for Practical Ethics der University of Oxford in einem Meinungsbeitrag nach, der zur Veröffentlichung im »Journal of Medical Ethics« zur Publikation angenommen wurde. Seiner Meinung nach gibt es keine ethischen Bedenken gegen Anreize zum Impfen in Form finanzieller Zuwendungen oder in Form anderer »Sachleistungen« oder Privilegien. Dieses Vorgehen wäre allemal besser als eine Impfung gegen Covid-19 vorzuschreiben.

Im Allgemeinen sollte jede Impfung freiwillig sein, betont Savulescu, obwohl eine Verpflichtung zur Impfung in Anbetracht des großen Schadens, den die Pandemie im persönlichen Umfeld und in der Wirtschaft anrichtet, in diesem Fall durchaus als verhältnismäßig betrachtet werden könnte.

Besser bezahlen als zwingen

Zwang wäre aus ethischer Sicht nicht die richtige Option, obwohl Impfstoffe zu den sichersten und wirksamsten Interventionen gehören. Trotzdem begegnen immer noch viele Menschen diesen Medikamenten mit großem Vorbehalt. Das gilt bekanntlich auch für unsere sehr gut etablierte Impfstoffe. »Das Problem wird bei einem neuen Impfstoff wahrscheinlich noch größer sein«, beton auch Savulescu.

»Da es ethisch nicht zu verantworten ist, eine Impfung mit einem neuen Impfstoff verpflichtend zu machen, muss im Falle eines Pandemie-Impfstoff nach Alternativen gesucht werden«, so Savulescu. Da wäre es denkbar, dass man vor allen für die Personen mit einem geringem Risiko Anreize schafft, durch die Bereitschaft zur Impfung einen Beitrag für das allgemeine Gesundheitssystem zu leisten. »Für ein überschaubares Risiko, das bei einem neuen Impfstoff nie auszuschließen ist, könnten diese Mitmenschen tatsächlich entschädigt werden«, so der Ethiker.

Es geht bei diesem Konzept nicht darum, Menschen dazu zu ermutigen, unvernünftige Risiken einzugehen. Die Entwicklung und Erprobung auch der Covid-Impfstoffe folgt trotz der Geschwindigkeit hohen Standards,  und die Durchführung der klinischen Studien wird sicherstellen, dass wir darauf vertrauen können, dass das Risiko, das man mit der Impfung eingeht, sehr gering sein wird, betont Savulescu.

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