| Christina Hohmann-Jeddi |
| 20.04.2026 07:00 Uhr |
Parkinson-Patienten haben häufig einen gestörten Schlaf – dies scheint den Krankheitsverlauf zu beschleunigen. / © Adobe Stock/sebra
»Wir wissen, dass Parkinson-Patienten stark beeinträchtigt sind, was den Schlaf angeht«, sagte Professor Dr. Joseph Claßen, zweiter Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (DPG), kürzlich bei einer Online-Pressekonferenz. Schon lange sei bekannt, dass die REM-Schlaf-Verhaltensstörung ein frühes Anzeichen von Morbus Parkinson sein kann. Diese Störung ist dadurch gekennzeichnet, dass Betroffene im Traumschlaf schreien, sprechen und sich zum Teil heftig bewegen. Weniger bekannt sei, dass Patienten mit der neurodegenerativen Erkrankung auch unter anderen Schlafstörungen leiden, wie Insomnie (30 bis 50 Prozent), obstruktive Schlafapnoe (45 Prozent) und Restless-Legs-Syndrom (20 Prozent).
Wichtig in diesem Zusammenhang ist das sogenannte glymphatische System, das Proteinreste und andere Abfallstoffe aus dem Gehirn spült. »Das System beseitigt auch fehlgefaltete Proteine, die in der Pathologie der Alzheimer- und der Parkinson-Krankheit eine Rolle spielen«, sagte Claßen. Entsprechend steige die Neigung, dass sich Amyloid (bei Morbus Alzheimer) oder α-Synuclein (bei Parkinson) im Gehirn ablagert, wenn diese Reinigung gestört ist.
»Dieses Abfallsystem ist eng an den Schlaf gekoppelt – es ist in den Non-REM-Tiefschlafphasen besonders aktiv«, machte der Mediziner deutlich. »In diesen Phasen kommt es zu synchronisierten Oszillationen, die die Beweglichkeit von Gefäßen im Gehirn so verändern, dass der Transport begünstigt wird.« Entsprechend wurde schon länger vermutet, dass gestörter Schlaf auch das Demenzrisiko erhöht. Eine Bestätigung für diese These lieferte eine große britische Studie aus dem vergangenen Jahr.
»Der Schlaf rückt daher immer mehr in das Zentrum der medizinischen Forschung«, sagte der Experte. Erleichtert werde dies durch die einfache Bestimmung von Schlafparametern durch Wearables – auch mittels künstlicher Intelligenz (KI).
Schlaf ist auch zur Prognose von Erkrankungen geeignet. Das zeigt eine Untersuchung von Forschenden der Stanford University in Kalifornien, die im Januar 2026 im Fachjournal »Nature Medicine« erschien. Das Team hatte ein KI-Tool entwickelt, das anhand von Schlafparametern das Risiko für 130 verschiedene Erkrankungen abschätzen konnte. Gute Ergebnisse habe das Tool bei der Bestimmung des Parkinson-Risikos geliefert, berichtete Claßen.
Wie hängen die Schlafstörungen mit dem Krankheitsverlauf bei Parkinson zusammen? Dazu zitierte der Neurologe eine Studie, bei der 11 Millionen US-Veteranen im Alter von durchschnittlich rund 60 Jahren etwa fünf Jahre lang beobachtet wurden (»JAMA« 2025, DOI: 10.1001/jamaneurol.2025.4691). Es zeigte sich, dass Menschen mit einer obstruktiven Schlafapnoe (OSA) ein deutlich erhöhtes Risiko hatten, innerhalb von fünf Jahren nach der OSA-Diagnose an Parkinson zu erkranken. Dieses Risiko ließ sich durch eine frühe Therapie der OSA (Tragen einer CPAP-Maske) senken.
»Das deutet darauf hin, dass der Schlaf ein verlaufsmodifizierender Faktor bei der Parkinson-Krankheit sein kann«, sagte Claßen. Es seien noch weitere Methoden wie Hirnstimulation in der Pipeline, mit denen man den Schlaf modulieren könne.
Statt den Schlaf zu beeinflussen, könne man aber auch direkt das glymphatische System adressieren, sagte Claßen. Auch hier gibt es erste Ansätze. So aktiviert offenbar der selektive α-Adrenozeptor-Agonist Dexmedetomidin, der in der Intensivmedizin zur Sedierung eingesetzt wird, das glymphatische System – zumindest in Tiermodellen (»Frontiers in Pharmacology« 2025, DOI: 10.3389/fphar.2025.1648308).
Und auch technische Therapieansätze werden untersucht, etwa eine sensorische Stimulation oder eine mechanische Manipulation der im Halsbereich gelegenen Lymphabflüsse sowie fokussierter Ultraschall, der das glymphatische System anregen soll. All diese Methoden seien derzeit noch in der präklinischen Phase, aber es könne angenommen werden, dass sie in den nächsten Jahren auch beim Menschen getestet werden, sagte der Mediziner. So könne eine verstärkte Reinigung des Gehirns künftig womöglich eine Therapieoption bei Parkinson werden.