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Myokardinfarkt
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Gefahr fürs weibliche Herz

Frauen überleben einen Herzinfarkt seltener als Männer. Oft äußert sich der Notfall durch unspezifischere Symptome. Und viele Arzneimittel für die Primär- und Sekundärprävention wirken je nach Geschlecht unterschiedlich. Im Versorgungsalltag wird das bislang aber kaum berücksichtigt.
AutorClara Wildenrath
Datum 10.12.2023  08:00 Uhr

Frauen nehmen Warnsignale anders wahr

Einer der Gründe für die schlechtere Prognose nach einem Infarkt ist die unterschiedliche Symptomatik. Männer erleben vor allem die – vermeintlich – typischen Beschwerden wie Engegefühl hinter dem Brustbein, Atemnot und heftige Brustschmerzen, die in den linken Arm ausstrahlen.

Bei Frauen überwiegen dagegen eher unspezifische Symptome (Tabelle). Dazu gehören beispielsweise Bauch- oder Rückenschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit, Schwindel oder Verdauungsstörungen. Häufiger als bei Männern kommt der Infarkt »aus heiterem Himmel«, kündigt sich also nicht schon Tage oder Wochen vorher durch Herzbeschwerden an. Generell tritt der Brustschmerz, den die meisten Menschen mit einem Herzanfall verbinden, bei beiden Geschlechtern mit zunehmendem Lebensalter immer mehr in den Hintergrund.

Geschlecht Symptome
beide Beklemmungs- und Angstgefühl
kalter Schweiß, blasse Haut
Schmerzen im Oberbauch
Übelkeit und Erbrechen
Mann stechende Schmerzen im linken Brustbereich und hinter dem Brustbein
Schmerzen strahlen in den linken Arm aus
Schmerzen in Rücken, Schulter und Unterkiefer
Schwindel und Bewusstlosigkeit
Frau Schmerzen in Brust und Arm
Schmerzen in Rücken, Kiefer und Halswirbel
Atemnot bei geringer Belastung
Müdigkeit oder Benommenheit
Achtung: Symptome oft weniger spezifisch, werden daher häufig übersehen
Tabelle: Herzinfarktsymptome bei Mann und Frau. Modifiziert nach: Deutsches Herzzentrum der Charité (www.dhzb.de/ratgeber/herzinfarkt)

In einer Umfrage der Betriebskrankenkasse VBU (Verkehrsbau Union) konnten nur 45 Prozent der Befragten die bei Frauen häufiger auftretenden Infarktsymptome richtig zuordnen. Bei den »typischen« männlichen Alarmzeichen waren es dagegen 96 Prozent. Weil Betroffene und Angehörige die unklaren Beschwerden bei Frauen oft nicht auf das Herz zurückführen, rufen sie zu spät den Rettungsdienst. Selbst Ärztinnen und Ärzte oder Pflegekräfte denken manchmal zunächst an ein orthopädisches oder gastroenterologisches Problem.

Das mangelnde Bewusstsein für den weiblichen Infarkt könnte ein Grund für den zeitverzögerten Therapiebeginn sein. Wie eine Studie des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZKH) 2017 zeigte, vergingen bei Frauen über 65 Jahren nach einem schweren Herzinfarkt durchschnittlich mehr als viereinhalb Stunden, bis sie in der Notaufnahme waren – bei gleichaltrigen Männern dauerte es nur dreieinhalb Stunden. Die Autoren der Studie vermuten allerdings noch eine weitere Ursache für die Unterschiede: Gerade ältere Frauen zögerten häufig, den Notarzt zu rufen, weil sie ihre Beschwerden herunterspielen und keine »unnötigen Umstände« machen möchten.

Die Ursache eines Herzinfarkts ist bei beiden Geschlechtern die gleiche: der Verschluss eines Herzkranzgefäßes. Meist geht ihm eine jahrelange koronare Herzerkrankung voraus. Sie entsteht durch atherosklerotische Ablagerungen in den Koronargefäßen. Wenn solche Plaques kleine Einrisse bekommen, wird das Blutgerinnungssystem aktiviert. Es bildet sich ein Thrombus, der das Gefäß verstopft und die Durchblutung des angrenzenden Herzmuskelgewebes zum Erliegen bringt. Innerhalb von 15 bis 30 Minuten stirbt der betroffene Bereich ab. Je schneller die Blutversorgung wiederhergestellt werden kann, desto geringer sind die Folgeschäden.

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