| Sven Siebenand |
| 15.07.2026 15:00 Uhr |
Visugromab (pink) blockiert gezielt GDF-15 (orange). Durch die Neutralisierung von GDF-15 kann Visugromab das Immunsystem dabei unterstützen, Tumoren effektiver anzugreifen und Resistenzen gegen Immuntherapien zu überwinden. / © CatalYm
Aufgabe von Immun-Checkpoint-Molekülen ist es, die Aktivität des Immunsystems zu regulieren. Sie wirken dabei oft als Bremse, damit das Immunsystem nicht überaktiv ist und versehentlich gesunde Zellen angreift. Krebszellen können diese Immun-Checkpoints jedoch ausnutzen, um eine Immunantwort gegen sich selbst zu verhindern. Ein bekanntes Immun-Checkpoint-Molekül ist PD-1, kurz für Programmed Cell Death 1. Bindet der von vielen Tumoren exprimierte Ligand PD-L1 an diesen Rezeptor, wird die Immunzelle regelrecht entwaffnet.
Krebsimmuntherapien, die diese Immun-Checkpoint-Moleküle mit Antikörpern blockieren, haben die Behandlung vieler Krebsarten verbessert. Allerdings sprechen nicht alle Patienten auf diese Therapien an oder nicht dauerhaft an.
Ein Grund für eine Resistenz gegenüber Krebsimmuntherapien sind bestimmte von Tumorzellen produzierte, lösliche und zellgebundene immunsuppressive Faktoren. Ein Beispiel hierfür ist der Wachstumsdifferenzierungsfaktor 15 (Growth Differentiation Factor 15, GDF-15). Wie das Universitätsklinikum Würzburg aktuell informiert, könnte die gezielte Hemmung von GDF-15 mit dem in Würzburg entwickelten Antikörper Visugromab die Wirksamkeit etablierter Immuntherapien deutlich verstärken. Das Klinikum nimmt Bezug auf im »Journal of Hematology & Oncology« veröffentlichte Studienergebnisse.
In der Phase-I/II-Studie GDFATHER 01 wurde Visugromab in Kombination mit dem PD-1-Blocker Nivolumab bei 77 stark vorbehandelten Patienten mit nicht kleinzelligem Lungenkrebs, Urothelkarzinom oder Leberkrebs eingesetzt. Alle Teilnehmer hatten zuvor nicht oder nur vorübergehend auf eine Anti-PD-1- beziehungsweise Anti-PD-L1-Immuntherapie angesprochen.
Die Kombination aus Visugromab (10 mg/kg) und Nivolumab (240 mg), die alle zwei Wochen bis zum Auftreten von Progress oder Unverträglichkeit verabreicht wurde, zeigte eine gute Wirksamkeit. So lagen die objektiven Ansprechraten in allen drei untersuchten Tumorentitäten bei rund 14 bis 19 Prozent.
Hervorzuheben ist zudem die mediane Dauer des Ansprechens von 28,8 Monaten, die damit mehr als doppelt so lang war wie unter der ursprünglichen Standard-Immuntherapie mit 12,0 Monaten. Zudem erreichten 61,5 Prozent der Patienten, die auf die Behandlung ansprachen, eine vollständige radiologische oder metabolische Remission.
»Für ein so schwer vorbehandeltes, als Immuntherapie-refraktär definiertes Kollektiv sind Tiefe und Dauer der beobachteten Remissionen außergewöhnlich«, wertet Dr. Maria Elisabeth Goebeler vom Universitätsklinikum Würzburg die Ergebnisse. »Dass viele dieser Remissionen über mehr als zwei Jahre anhalten und häufig ausgeprägter sind als die ursprüngliche Antwort auf die erste Immuntherapie, spricht stark für eine echte Überwindung von Resistenzmechanismen.«
Die Entwicklung von Visugromab wird bereits in weiteren Studien fortgesetzt, zum Beispiel in der Erstlinientherapie des nicht kleinzelligen Lungenkarzinoms sowie neoadjuvant bei muskelinvasivem Blasenkrebs (GDFATHER NEO). Erste Daten lassen erwarten, dass die Kombination mit Nivolumab die Ansprechraten und die Häufigkeit pathologischer Komplettremissionen auch bei Immuntherapie-naiven Patienten erhöhen kann.
Darüber hinaus wird eine Kachexiestudie vorbereitet. In dieser soll Visugromab gegen den unkontrollierten Gewichtsverlust und Muskelschwund eingesetzt werden, der häufig als Begleiterkrankung von Krebs auftritt. Auch Ponsegromab, ein anderer Anti-GDF-15-Antikörper, wird für diese Indikation entwickelt und hat bereits positive Studienergebnisse vorzuweisen.