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Schleswig-Holstein

Froese warnt vor »unheiligen digitalen Allianzen«

Ob EuGH-Urteil, Rx-Versand und Digitalisierung oder verschärfter Wettbewerb durch neue Player und gefährliche Koalitionen im Gesundheitssystem: »Das Apothekenwesen ist im Umbruch. Die Lage ist diffizil. Einfache Problemlösungen gibt es nicht«, so Dr. Peter Froese, Vorsitzender des Apothekerverbands Schleswig-Holstein, am Samstag bei der Mitgliederversammlung in Kiel.
Christiane Berg
29.10.2018
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Ohne detailliert auf derzeitige berufspolitische Strategien und »zweifelsohne existierende Alternativ-Konzepte« der ABDA einzugehen, gab der Vorsitzende des Apothekerverbands einen Einblick in die tiefe und komplexe Materie der Standespolitik in Zeiten zunehmender Kommerzialisierung und drohender Ausbeutung selbst intimster Krankheits- und Patientendaten.

Froese betonte, dass insbesondere die »wirtschaftlichen und politischen Ränkespiele« um das Rx-Versandverbot und das 2hm-Gutachten großes Geschick und Fingerspitzengefühl seitens der Apotheker erfordern. Indem sich Spahn auf dem Apothekertag nicht wie erwartet und zugesagt eindeutig zum Rx-Versandverbot positioniert hat, hat er damit geschickt den Ball in das Feld der Apotheker gespielt, sagte er. Diese müssten nunmehr »wirkgleiche Lösungen« anbieten.

»Machen wir uns nichts vor: Nur ein großes Paket aus vielfachen, wohl durchdachten und fein ziselierten Maßnahmen könnte – wenn überhaupt – die Wirkmacht eines Rx-Versandverbots erzielen, wobei die Gleichpreisigkeit ebenso wie die Gewährleistung der Arzneimitteltherapiesicherheit durch den Apotheker als Arzneimittelfachmann vor Ort unverhandelbar ist«, unterstrich der Verbandsvorsitzende.

»Die Politik ist offenbar bereit, gemeinsam mit uns auch weitreichende Veränderungen zu bewirken«, so Froese, der von »gewaltigen Chancen und großen Gefahren« sprach. Seien alle Alternativen zum Rx-Versandverbot aufgrund gesetzlich fixierter Vorgaben mit unberechenbaren Nebenwirkungen und Folgen verbunden, so gleichen die entsprechenden Nutzen-Risiko-Abwägungen einer gefährlichen Gratwanderung. »Es hilft aber alles nichts. Wir müssen uns pragmatisch mit der Situation, so wie sie jetzt ist, auseinandersetzen. Das tun wir so intensiv, wie ich es in meiner bisherigen Verbandstätigkeit noch nicht erlebt habe«, bemerkte er.

Die derzeitige Lage werde noch verschärft durch die Kraft und Dynamik der Digitalisierung im Gesundheitswesen. »Nicht nur sind Daten ein lukratives Geschäft, sondern auch die Plattformfrage ist von großer Bedeutung. Wir Apotheker haben hier eine ganz besondere, im Gesundheitswesen einmalige Empfindlichkeit, was den Fluss elektronischer Verordnungen angeht«, betonte er.

Froese warnte vor »mächtigen und unheiligen Allianzen« neuer Player, die sich formieren, um auch das kommende elektronische Rezept in ihre Einflusssphäre zu zwingen. »Einen privatwirtschaftlich organisierten Fluss von elektronischen Rezepten lehnen wir strikt ab. Das wird es mit uns nicht geben«, konstatierte der Verbandschef, der sich für neutrale Branchenkonzepte einsetzt.

Verwies Froese angesichts der Zunahme aggressiver Geschäftsmodelle und des disruptiven Umbaus bewährter pharmazeutischer und medizinischer Versorgungssysteme auf die Notwendigkeit gesellschaftlicher Direktiven zur Klärung rechtlicher und gesetzgeberischer Aspekte des sozialen und solidarischen Miteinanders, so betonte er, dass hier akuter Handlungsbedarf besteht. Der Patientenschutz und die Patientensouveränität müssen ganz oben auf der Agenda aller beteiligten Heilberufler und Gesundheitspolitiker stehen, sagte er.

»In einer demokratischen Gesellschaft dürfen weder Kassen noch Ärzte noch privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen die Möglichkeiten des digitalen Spielfelds missbrauchen, um Macht- oder gar Geschäftsmodellfantasien in Bezug auf die elektronische Verordnung aufzubauen«, so Froese. Der Minister begebe sich auf ein gefährliches Glatteis, wenn er hier keine klaren Schranken ziehe. »Für uns ist diese Frage existentiell«, warnte er.

Radikaler Bürokratieabbau gefordert

»Treue Mitglieder, stabile Finanzen, starke Führung, effiziente Umsetzung der Beschlüsse, engagiertes Ehren- und Hauptamt«: Erfolgsfaktoren der Verbandarbeit schilderte im weiteren Verlauf der Mitgliederversammlung der Verbandsgeschäftsführer Dr. Thomas Friedrich. »Kerngeschäft des Verbands ist und bleibt das GKV-Vertragsmanagement«, sagte er.

»Wir stehen vor großen Herausforderungen«, so konstatierte auch Friedrich, der neben dem Erhalt der Wirtschaftlichkeit der Apotheken auch die Eindämmung von (Null-)Retaxationen sowie den Abbau überbordender Verwaltung und Administration als oberste standespolitische Ziele beschrieb.

Ob Einführung von Rabattvertragsquoten und Hilfsmittelfestbeträgen in Apotheken als Flächenversorger oder Umsetzung eines zweistufigen Retaxverfahrens, das mehr Chancengleichheit für Apotheker gewährleistet: Froese und Friedrich forderten einen radikalen Bürokratieabbau, der mehr Zeit für die pharmazeutische Versorgung der Patienten lässt.

Fotos: Fotolia/Visual Cortex, PZ/Christiane Berg

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