Auf dem Münchner Odeonsplatz versammelten sich zahlreiche Apothekenteams. / © BAV
»Wow«, so Hubmann, der auch Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbands (DAV) ist, angesichts der Menge auf dem Odeonsplatz. Der Platz in der Münchner Innenstadt ist derzeit mit 3500 Teilnehmenden komplett voll. Das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) beinhalte, anders als die Lauterbach-Reform, auch gute Aspekte, so Hubmann.
Mehr Kompetenzen für Apotheken seien auch dringend nötig. Dazu brauche es aber eine ordentliche freiberufliche Struktur, so Hubmann. »Fixum anpasssen, jetzt!«, rief er immer wieder in die Menge aus weißen Kitteln. Hubmann skizzierte das Apothekensterben, Ende 2025 seien es nur noch 16.601 gewesen, 5000 weniger als zum Höchststand der 2000er-Jahre. Mehr als 20 Prozent seien vom Markt verschwunden.
Eine chronische Unterfinanzierung sei die Ursache. Beim Fixum habe sich seit 2013 nichts mehr bewegt. Gleichzeitig seien die Kosten explodiert. Das Auseinanderklaffen sei nicht mehr zu schultern. »Klare Forderung: Fixum anpassen – jetzt!«, so Hubmann, worauf es tosenden Applaus gab.
In Berlin sei die Problematik erkannt worden – aber an der Umsetzung hapere es. Der Finanzierungsvorbehalt bei allen Projekten im Koalitionsvertrag trug bekanntlich dazu bei, dass die Erhöhung »auf Wiedervorlage« liegt – seltsamerweise gab es aber eine Erhöhung beim Ärztehonorar. Diese sei ihnen gegönnt, so Hubmann. Dann gelte aber das Argument nicht, dass kein Geld da sei.
Die Anhebung soll kommen, das habe die Bundesregierung versprochen, die SPD schwäche es immer wieder ab, hinzu komme die allgegenwärtige Kritik am »Gießkannenprinzip« und Versuche, die Heilberufe gegeneinander auszuspielen. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) müsse der Rücken gestärkt werden – noch liege die angekündigte Anpassung nicht verbindlich vor, für die Warken sich einsetzt. Das AoVWG soll zeitgleich mit der Verordnung Mitte April beschlossen werden.
Die Kassen, die gegen »Miliardengeschenke« an die Apotheken wetterten, sollten sich an die eigene Nase fassen. Erst kürzlich seien die Vorstandsgehälter erhöht worden, die Verwaltungskosten seien auf 14 Milliarden Euro gestiegen. Für Apotheken müssten die Kassen lediglich 1,8 Prozent ihrer Ausgaben aufwenden – »damit sind wir nicht der Kostentreiber«, so Hubmann. »Uns gibt es nicht zum Nulltarif«, die Anpassung sei überfällig, gerade auch für die Teams, die eine bessere Bezahlung verdient hätten.
Die PTA-Vertretungslösung sei »nicht aktzeptabel«, auch mit den Verschärfungen nicht. Dies bedeute keine Abwertung der wertvollen Arbeit der PTA, betonte Hubmann. Ohne diese wäre der Apothekenbetrieb nicht möglich, sie seien wichtiger denn je. Die Änderungen im Regierungsentwurf verhinderten aber nicht, dass die Vertretungsklausel ein »ordnungspolitischer Sündenfall« sei, der Konzernen den Einstieg in die Struktur ermögliche. »Diese Tür bekommen wir nie mehr zu«, so Hubmann. »Keine PTA-Vertretung!«, rief er und die Menge wiederholte ihren lauten Applaus.
Die Teams hielten Plakate und Banner hoch, sorgten auf dem Odeonsplatz mit Klappern, Trillerpfeifen und »Apotheken-retten-jetzt!«-Chören für ordentlich Lärm. Inhaberin Verena Roth aus München war mit ihrem Team vor Ort. Es sei höchste Zeit, dass die im Koalitionsvertrag verankerte Honorarzusage endlich umgesetzt werde, so Roth. »Wie lange warten wir jetzt schon darauf?« Die geplante PTA-Vertretungsbefugnis sei ein Risiko für das Versorgungssystem; es öffne der Aufweichung des Fremdbesitzverbots Tür und Tor.
So sieht das auch das Team von Julia Schober aus der Nähe von Passau. Die Inhaberin der Ludwigs-Apotheke in Eging am See wertet die fällige Honorarerhöhung als »letzten Strohhalm« für die Apothekenstärkung; der Koalitionsvertrag müsse endlich umgesetzt werden.
Auch der Apothekennachwuchs sorgt sich. PJlerin Marie-Josephine Joly von der Nauplia-Apotheke München meint: »Apotheken gibt es nicht zum Nulltarif! Apotheken sind wichtig für die Versorgung und die Menschlichkeit. Hier kann sich jeder beraten lassen. Das Apothekensterben macht mir schon Sorgen; das darf so nicht weitergehen.«
Dass es höchste Zeit für eine Umsetzung ist, betont Andrea Gerdemann von der König-Apotheken in Baldham und Haar. »Es ist heute besonders wichtig, weil wir nahe dran sind, dass sich etwas bewegt, vor allem in puncto Honoraranpassung. Ich finde es toll, dass wir mehr in die Prävention eingebunden werden sollen; das spart auch Geld im Gesundheitssystem.«
Zur umstrittenen PTA-Vertretungsbefugnis sagt Armin Parsa aus Würzburg: »Ich bin allein aus Würzburg zum Apothekenprotest gekommen, weil ich mit der Situation nicht einverstanden bin. Wir werden politisch nicht ausreichend geschätzt und nicht gerecht bezahlt für unsere Leistung. Zur Vertretungsbefugnis für PTA: das hat Vor- und Nachteile. Ich weiß nicht, ob ich als PTA der Aufgabe gewachsen wäre.«
Monika Göbel, Inhaberin der Canisius-Apotheke in Ingolstadt, sagt, dass sie heute die Apotheke komplett geschlossen habe, das Team sei zu zehnt nach München gefahren. »Es ist so wichtig, dass wir protestieren. Ich bin enttäuscht, dass die Honorarerhöhung noch nicht da ist. Sie ist versprochen, aber noch nicht in trockenen Tüchern. Die Erhöhung ist essenziell für meine Apotheke.«
Daniel Pohl, angestellter Apotheker in der Canisius-Apotheke, Ingolstadt, ergänzt: »Die Gesundheitsfürsorge wird immer nötig sein, aber die Apotheken werden zurückgelassen. Ich habe jugendlichen Optimismus: Wir sind hier und wollen ein positives Signal setzen und protestieren. Die Politik muss besser auf unseren Berufsstand schauen! Deshalb habe ich auch das Plakat dabei: Wir sichern Eure Versorgung! Wer sichert unsere Zukunft?«
Schon vorab hatte die Politik in Bund und Ländern Unterstützung signalisiert. Etwa betonte Unions-Apothekenberichterstatter Stephan Pilsinger (CSU) gegenüber der PZ, dass die Honoraranpassung überfällig sei und das Bundesgesundheitsministerium (BMG) auch ihm gegenüber zugesagt habe, dass die 9,50 Euro bald per Verordnung kommen sollen.
Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU) ließ heute wissen, sie halte es für richtig, dass die zunächst zurückgestellte Erhöhung jetzt kommen soll. Die Apotheken müssten rasch durch den Bund gestärkt werden, damit sie ihren Versorgungsauftrag erfüllen könnten. Eine angemessene Vergütung sei »der wichtigste Hebel«, um das Apothekensterben zu stoppen. Bayern halte zudem am Grundsatz »Keine Apotheke ohne Apothekerin oder Apotheker« fest, so Gerlach in einer Videobotschaft; die vom BMG weiter vorgesehene Erprobung einer PTA-Vertretungsbefugnis werde das Personalproblem nicht lösen.