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Wundheilung auf Isländisch

Fischhaut gegen chronische Wunden

Eine aus der Haut des atlantischen Kabeljaus entwickelte Wundabdeckung hat bei Menschen mit chronischen Wunden, etwa aufgrund von Diabetes, gute Behandlungsergebnisse gezeigt. In einer Multicenterstudie unter deutscher Beteiligung wird die Methode derzeit weiter evaluiert.
Sven Siebenand
15.03.2022  13:00 Uhr

Die Idee, die Haut des atlantischen Kabeljaus oder Dorschs medizinisch zu nutzen, stammt von der isländischen Firma Kerecis. Mithilfe der Technologie namens MariGen Omega3 wird die Fischhaut so aufbereitet, dass nur die zellfreie Stützstruktur bestehen bleibt. Erste Erfahrungen zeigen, dass sich damit in vielen Fällen hartnäckige Wunden verschließen. »Die Matrix kann man sich als Gerüst vorstellen, das den patienteneigenen Zellen dabei hilft, in das Wundgebiet einzuwandern und sich dort zu verankern«, erklärt Dr. Holger Diener in einer Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin (DGG).

Der Chefarzt für Gefäßchirurgie und Endovaskuläre Chirurgie am niedersächsischen Krankenhaus Buchholz arbeitet bereits seit einigen Jahren mit dem Transplantat. »Seine großporige Struktur ähnelt dem Aufbau der menschlichen Haut und fördert das Einwandern und Vermehren der Hautstammzellen«, erläutert Diener die Vorteile der Fischhaut. Im Gegensatz zu Transplantaten aus Rind, Schwein oder menschlicher Nabelschnur kann die Kabeljau-Haut bei der Herstellung der Matrix schonender verarbeitet werden. »Zwischen Fisch und Mensch besteht kein Risiko der Krankheitsübertragung«, betont der Mediziner. Das fertige Produkt, das reinweißem Pappkarton ähnelt, enthält noch die fischtypischen Omega-3-Fettsäuren in hoher Konzentration – sie tragen vermutlich ebenfalls zur Wundheilung bei, wirken entzündungshemmend und antibakteriell.

Schätzungsweise 800.000 Menschen leiden in Deutschland unter chronischen Wunden am Bein. Jedes Jahr werden in Deutschland mehr als 40.000 Zehen, Füße oder Unterschenkel aufgrund chronischer Gewebedefekte amputiert. Von chronischen Wunden sind besonders zum Beispiel Menschen mit Diabetes oder mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit betroffen. »Bei beiden Patientengruppen hat sich die Behandlung mit der Fischhaut in der Praxis bewährt«, so Diener. Wie die DGG informiert, hat das Produkt in den USA bereits eine Zulassung erhalten, in Europa ist es CE-zertifiziert. Eine aktuelle Studie, an der auch Kliniken in Deutschland beteiligt sind, soll Wirksamkeit der Methode nun weiter prüfen.

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