Die US-Zulassungsbehörde FDA will künftig standardmäßig nur noch eine statt zwei Studien als Voraussetzung für eine Zulassung von neuen Arzneistoffen akzeptieren. / © Adobe Stock/JHVEPhoto
»Eine Zulassungsstudie, die neue Standardoption der FDA – das Ende des Zwei-Studien-Dogmas«: So ist ein Artikel aus der Feder zweier ranghoher FDA-Mitarbeiter überschrieben, der gestern in der Online-Ausgabe des »New England Journal of Medicine« veröffentlicht wurde. Autoren sind der Leiter der FDA, Dr. Martin Makary, und der medizinische Direktor der Behörde, Dr. Vinay Prasad.
Für eine Zulassung eines neuen Arzneimittels durch die FDA sollen künftig positive Ergebnisse einer »adäquaten und gut kontrollierten« Studie ausreichen, heißt es in dem Beitrag. Dies sei in manchen Bereichen, etwa der Krebstherapie, bereits jetzt bei der Mehrheit der neu zugelassenen Medikamente gelebte Praxis. Für eine Zulassung fordert die FDA eine Studie plus »bestätigende Evidenz«. Dies können etwa mechanistische Nachweise oder Ergebnisse aus Tierversuchen sein, wenn beispielsweise die Erkrankung so selten ist, dass es schwierig ist, eine ausreichende Probandenzahl für eine weitere Studie zusammenzubekommen. Außer in solchen Ausnahmefällen gilt aber bislang als Standard für die bestätigende Evidenz eine weitere Studie.
Makary und Prasad sind der Meinung, dass dies nicht mehr zeitgemäß sei. Die Vorschrift stamme aus einer Zeit, in der das biologische Verständnis von Pathophysiologien und Pharmakologie deutlich schlechter gewesen sei als heute. Moderne wissenschaftliche Labors und Hersteller unternähmen immense Anstrengungen, um den genauen Wirkmechanismus eines neuen Mittels aufzuklären. Im Jahr 2026 gebe es »leistungsfähige Alternativen, um sicher zu sein, dass unsere Produkte den Menschen helfen, länger oder besser zu leben, als die Anforderung an die Hersteller, sie noch ein weiteres Mal zu testen«.
Die beiden Autoren verknüpfen mit der Ankündigung die Hoffnung, dass neue Medikamente künftig in den USA schneller auf den Markt kommen werden – ein erklärtes Ziel der amtierenden US-Regierung. Die Kritik, dass die FDA mit diesem Schritt ihre Standards senke und künftig möglicherweise ineffektive oder gar schädliche Therapeutika zugelassen werden könnten, nehmen sie vorweg, bezeichnen dies aber als »nicht korrekt«. Einerseits sei die FDA noch nie perfekt gewesen und es seien auch mit den noch geltenden Standards schon zahlreiche Produkte auf den Markt gelangt, die später wegen Sicherheitsbedenken oder unzureichender Wirksamkeit zurückgenommen werden mussten. Andererseits sei allein eine höhere Anzahl von Studien kein Garant für Qualität, wenn die Studien schlecht gemacht seien.
Kritiker der Entscheidung wird das wohl kaum überzeugen. Der Verdacht liegt nahe, dass hier zwei linienkonforme Amtsträger die Agenda der US-Regierung umsetzen – und dabei mehr die Interessen der Konzerne im Blick haben als die der Patienten. Vinay Prasad war kürzlich dadurch aufgefallen, dass er gegen den Willen der Sachverständigen in der FDA die Prüfung des neuen mRNA-basierten Grippeimpfstoffs von Moderna ablehnte. Diese Entscheidung wurde mittlerweile revidiert. Martin Makary galt bis zu seinem Amtsantritt als FDA-Direktor als scharfer Kritiker der Behörde, der ideologisch mit US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. auf einer Linie liegen soll.
Dass Makary und Prasad mit der Veröffentlichung die Ziele der US-Regierung umsetzen wollen, glaubt auch Dr. Thorsten Ruppert, beim Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) zuständig für Grundsatzfragen zu Forschung, Entwicklung und Innovation. »Die Kollegen reden von einem schnelleren Patientenzugang und geringeren Kosten für die Sponsoren. Das soll die Wettbewerbsfähigkeit insbesondere der Biotechnologieunternehmen stärken und den Standort USA insgesamt attraktiver machen. Das ist für die US-Regierung momentan von großer Bedeutung.«
Für Ruppert kam die Veröffentlichung nicht gänzlich überraschend, denn die FDA hatte bereits Ende 2025 angekündigt, ihre Standards und Guidances überarbeiten zu wollen. Eine »gut geplante« Studie solle demnach für eine Zulassung ausreichen. »Da stellt sich aber natürlich die Frage: Was ist darunter genau zu verstehen? Welche Anforderungen müssen erfüllt sein? Das lässt sich momentan noch nicht abschließend einschätzen, hier müssen wir die überarbeiteten Guidances der FDA abwarten.«
Prinzipiell stimme er zu, dass grundsätzlich auch eine gut geplante Studie die gleiche Evidenz erzeugen könne wie zwei. Alles auf eine Karte zu setzen, sei aber auch riskant, denn falsch positive oder falsch negative Ergebnisse infolge eines systematischen Fehlers im Studiendesign fielen womöglich nicht auf, wenn es keine weitere, unabhängig geplante Studie gebe. Beides wäre von Nachteil: Falsch positive Ergebnisse könnten die Patientensicherheit gefährden, etwa wenn ein Arzneimittel in Wahrheit weniger gut wirksam oder weniger sicher ist, als es das Studienergebnis glauben lässt. Falsch negative Ergebnisse seien aber ebenfalls problematisch, weil sie dazu führen können, dass Entwicklungskandidaten zu Unrecht aufgegeben werden.
Nicht zuletzt muss man sich die Frage stellen, wie der von der FDA eingeschlagene Weg aus europäischer Perspektive zu bewerten ist. »Es kann dazu führen, dass die Industrie vermehrt auf die USA setzt und Produkte in den USA deutlich früher auf den Markt kommen können als in der EU«, sagt Ruppert. Das werde vermutlich die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) unter Druck setzen. Diese zeige zwar eine gewisse regulatorische Flexibilität, vor allem bei Arzneimitteln zur Behandlung von seltenen Erkrankungen, sei aber insgesamt strenger als die FDA.
Mit dem Pharmapaket habe sich die EU aber ebenfalls auf den Weg gemacht, um Zulassungsprozesse für neue Arzneimittel zu beschleunigen und effizienter zu gestalten. »Auch hier gibt es das Ziel, neue Therapieansätze für Patienten in der EU schneller zugänglich zu machen.«
Die Hersteller stellen diese Entwicklungen aber auch vor eine Herausforderung, denn die Anforderungen an die Studien steigen. »Die Studien werden immer komplexer«, bestätigte Ruppert. Alle Kriterien unter einen Hut zu bringen, die für die Zulassung durch die verschiedenen Behörden – und die anschließende Nutzenbewertung – erfüllt sein müssen, werde immer schwieriger. »All das könnte letztlich dazu führen, dass wir hier in Europa – trotz der hier angeschobenen Veränderungen – künftig länger auf innovative Arzneimittel warten müssen als in den USA.«