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Botox als Antidepressivum

Falten weg, Depression auch – so einfach ist es nicht

Lassen sich Depressionen mit dem Antifaltenmittel Botox einfach wegspritzen? Eine kürzlich veröffentlichte Metaanalyse legt dies nahe. Das Ergebnis ist jedoch umstritten, auch weil der Effekt unrealistisch groß war.
Annette Rößler
14.07.2021  07:00 Uhr

Ein Antifaltenmittel als Antidepressivum? Was bei Apothekern für Stirnrunzeln sorgt, soll gemäß der Facial-Feedback-Hypothese genau das verhindern. Sie besagt, dass bestimmte Bewegungen der Gesichtsmuskeln über einen Rückkopplungsmechanismus die erlebten Emotionen beeinflussen. Depressive Patienten durch Injektionen des Nervengifts Botulinumtoxin (Botox® und andere) in die Stirn daran zu hindern, ein besorgtes Gesicht zu machen, soll daher aus Sicht von Anhängern der Hypothese antidepressiv wirken.

Wie gut das funktioniert, wurde mittlerweile in mehreren Studien untersucht, darunter auch solche mit Placebokontrolle, also Injektion von Kochsalzlösung. Im März erschien im »Journal of Psychiatric Research« eine Metaanalyse, die fünf dieser Studien zusammenfasst. Die Autoren um Jara Schulze von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) berichten darin von einer deutlichen Besserung der depressiven Symptomatik. Die Botox-Injektionen wirkten dabei mehr als doppelt so stark wie zugelassene orale Antidepressiva. Trotz methodischer Schwächen der berücksichtigten Studien spreche dieses Ergebnis für die Wirksamkeit von Botulinumtoxin bei Depressionen und solle ihm den Weg zu einem Einsatz in der Psychiatrie ebnen, folgern die Autoren.

Doch haben gerade diese methodischen Schwächen bereits Kritiker auf den Plan gerufen, wie jetzt das Fachmagazin »Science« auf seiner Nachrichtenseite berichtet. So reagierte Nicholas Coles von der Stanford University, der selbst 2019 eine Metaanalyse zu dem Thema veröffentlicht hatte, mit einem Brief an den Herausgeber, in dem er mehrere Punkte der aktuellen Arbeit bemängelt. Coles und Kollegen hatten nämlich in ihrer Arbeit, die in »Emotion Review« erschien, bis auf eine erst kürzlich publizierte Untersuchung exakt dieselben Studien berücksichtigt wie die andere Gruppe – daraus aber genau gegenteilige Schlüsse gezogen.

Zu kleine Teilnehmerzahlen, zu großer Effekt

Jede einzelne Studie sei mit weniger als 100 Teilnehmern relativ klein gewesen, argumentierte die Coles-Gruppe. Aufgrund der eindeutigen Wirkung von Botulinumtoxin hätten die Probanden zudem gewusst, ob sie Verum oder Placebo erhalten hätten. Die sehr große Effektstärke werteten die Forscher zudem eher als Manko denn als Pluspunkt. Es sei doch seltsam, dass Botox viermal stärker wirken solle als praktische Übungen gemäß der Facial-Feedback-Hypothese, bei denen Testpersonen einen Gesichtsausdruck über mehrere Sekunden oder Minuten halten, was ihr emotionales Empfinden beeinflussen soll. Zudem seien vier der fünf berücksichtigten Studien vom Botox-Hersteller Allergan finanziert gewesen*.

Gegenüber »Science« konterte Professor Dr. Tillmann Krüger von der MHH, Seniorautor der jüngsten Metaanalyse, diese Einwände. Das Runzeln der Stirn mittels Botulinumtoxin dauerhaft zu verhindern, sei wahrscheinlich wirksamer als ein paar Minuten Stirnrunzeln oder Lächeln im Labor. Die Behandlung könne darüber hinaus das Selbstbild des Patienten verbessern und eine Veränderung in der Reaktion seiner Umwelt bewirken. Zudem sei ein direkter Einfluss auf das zentrale Nervensystem möglich.

Einen solchen hatte auch ein Team um Tigran Makunts von der University of California in San Diego im vergangenen Jahr im Fachjournal »Scientific Reports« postuliert. Diese Gruppe hatte sich ebenfalls mit dem antidepressiven Effekt von Botulinumtoxin beschäftigt, aber nicht als Hauptwirkung, sondern als Nebenwirkung beim Einsatz in anderen Indikationen.

Direkte Wirkung im ZNS?

Die Forscher werteten die Daten von mehr als 40.000 Personen in einer Datenbank der US-Zulassungsbehörde FDA aus, die Botulinumtoxin zur Behandlung von Hyperhidrosis, Gesichtsfalten, zur Migräneprophylaxe und bei Spastizität erhalten hatten. Diese Patienten litten signifikant seltener an einer Depression als Patienten mit denselben Erkrankungen, die anders behandelt wurden. Der Effekt war dabei unabhängig davon, ob die Betroffenen das Toxin in die Stirn oder in andere Körperteile injiziert bekommen hatten – ein erstaunlicher Befund, für den die Autoren als eine von mehreren möglichen Erklärungen einen transneuronalen Transport des Wirkstoffs ins ZNS und eine direkte Beeinflussung der zentralen Emotionssteuerung anführten.

All dies ist momentan noch ziemlich theoretisch. Klarheit über das tatsächliche antidepressive Potenzial von Botulinumtoxin könnte wohl nur eine große, sauber gemachte Studie bringen. Wunder wären dabei allerdings nicht zu erwarten. Denn die in kleinen Proof-of-Concept-Studien beobachteten großen Effektstärken schrumpfen bei der Anwendung bei großen Patientenzahlen meist stark. Darauf wies Professor Dr. Gerhard Gründer vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheimim Zusammenhang mit dem Einsatz von Psychedelika bei Depression hin. Auch dies ist ein neuer viel diskutierter Ansatz in der Depressionsbehandlung, der sich jetzt erst einmal in großen Studien beweisen muss.

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