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Vorbereitungen auf den Coronaherbst

Expertenrat fordert nachhaltige Strukturen

Im kommenden Herbst werden die Coronainfektionszahlen wieder ansteigen – darauf sollte man sich in Deutschland vorbereiten, empfahl der Corona-ExpertInnenrat heute und forderte »nachhaltige Strukturen«. Welche Maßnahmen wieder nötig werden könnten, hängt von der Virusevolution ab.
Christina Hohmann-Jeddi
08.06.2022  17:50 Uhr

Der Corona-ExpertInnenrat der Bundesregierung hat am 8. Juni seine elfte Stellungnahme mit dem Titel »Pandemievorbereitung auf Herbst/Winter 2022/2023« vorgelegt. Es sei der sachliche Versuch, das pandemische Geschehen im kommenden Herbst und Winter von verschiedenen Seiten zu beleuchten, sagte Professor Heyo Kroemer, Vorsitzender des ExpertInnenrats und Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin, bei einer Pressekonferenz in Berlin. Ziel sei es, in Zukunft zeitnah und besser koordiniert die Schutzmaßnahmen an das jeweilige Infektionsgeschehen anpassen zu können. Verschiedene Dinge seien hier wichtig: eine exzellente Datenerhebung, um ein digitales Echtzeit-Lagebild zu erhalten, eine Analyse der Daten für Prognosen, ein vernünftiges Verhaltensmanagement und die Kommunikation mit der Bevölkerung, um das Echtzeit-Lagebild zu übersetzen.

Basierend auf den Erfahrungen der vergangenen Jahre sei mit einem Anstieg der Coronavirus-Infektionszahlen in der kalten Jahreszeit zu rechnen, doch die Ausgangslage gegenüber Herbst und Winter der Vorjahre habe sich verändert, so Kroemer. Die Bevölkerung verfüge inzwischen durch Impfung und Durchseuchung über einen hohen Immunisierungsgrad.

Virusevolution schlecht vorherzusehen

Während sich dieser Faktor abschätzen lasse, seien andere Faktoren, vor allem die Evolution von SARS-CoV-2, nicht zu prognostizieren, machte sein Kollege von der Charité, Professor Leif Erik Sander, deutlich. Entsprechend entwarf der ExpertInnenrat drei Szenarien: Im günstigsten Fall setze sich ein Virusstamm durch, der eine noch geringere Krankheitsschwere als die derzeit kursierenden Varianten verursache, berichtete Sander. Dann würde bei hohen Infektionszahlen die Belastung für das Gesundheitssystem gering ausfallen. In einem zweiten Szenario dominiere ein Virusstamm, der sich in seinen Eigenschaften nicht gravierend von den derzeit vorherrschenden Virusformen unterscheidet. In diesem Fall sei mit erheblichen Fallzahlen und entsprechenden Arbeitsausfällen, auch in der kritischen Infrastruktur, zu rechnen, auf die man sich vorbereiten müsse. Mit einer starken Belastung des Gesundheitssystems sei aber auch hier nicht zu rechnen. Im ungünstigsten Fall setze sich eine stärker krankmachende Variante mit Immunfluchteigenschaften durch, die zu einer erheblichen Belastung der Strukturen führen und die Wiedereinführung von bestimmten Schutzmaßnahmen wie Kontaktbeschränkungen lokal nötig machen könnte.

Ein wichtiges Ziel der vorgelegten Empfehlungen sei, nachhaltige Strukturen zu schaffen, sagte Professor Christian Karagiannidis vom ARDS und ECMO Zentrum Köln-Merheim. Man wolle das Gesundheitssystem so resilient aufstellen, dass es über Corona hinaus weitere Krisen überstehen könne. Ein wichtiger Punkt hierbei sei die Digitalisierung des Gesundheitswesens und eine verbesserte Datenerhebung, vor allem auch über Hospitalisierungsraten und freie Kapazitäten in Krankenhäusern. Noch habe man Zeit, entsprechende Strukturen vor dem Herbst zu etablieren, zeigte sich Karagiannidis zuversichtlich. Ein weiterer Faktor, der das Management kommender Krisen erschwere, sei die starke Polarisierung, die derzeit in der Bevölkerung zu beobachten sei. Es sei an der Zeit, Extrempositionen zu verlassen und wieder in Kommunikation zu treten.

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