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Ursprung von SARS-CoV-2

Experten fordern neue Untersuchung

Eine Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollte Klarheit schaffen, doch nach wie vor sind die Ursprünge von SARS-CoV-2 nicht eindeutig geklärt. Auch die Theorie eines Laborunfalls ist noch nicht vom Tisch.
Theo Dingermann
14.05.2021  07:00 Uhr

Seit weit über einem Jahr kämpft die ganze Welt verzweifelt gegen die durch SARS-CoV-2 verursachte Pandemie. Mittlerweile weiß man viel über die Struktur und die biologischen Eigenschaften des Erregers, seine Übertragung, die Pathogenese von Covid-19, die Eindämmung durch Impfstoffe, Therapeutika und nicht pharmazeutische Maßnahmen. Eine Frage ist dabei aber immer noch unbeantwortet: Wie konnte dieses für den Menschen neue Virus Zugriff auf den riesigen globalen Pool von immunnaiven Menschen erlangen?

Zwei Theorien werden in Betracht gezogen: Ein auf natürlicher Selektion beruhender Wirtswechsel – keineswegs untypisch für Viren – oder eine unbeabsichtigte Freisetzung eines in einem Labor modifizierten Virus. Zwar kam ein von der WHO international besetztes Team, das zusammen mit chinesischen Wissenschaftlern die Frage nach dem Ursprung der Pandemie klären sollte, zu dem Ergebnis, dass ein zoonotischer Spillover durch einen Zwischenwirt als »wahrscheinlich bis sehr wahrscheinlich« anzunehmen ist und ein Laborzwischenfall als »extrem unwahrscheinlich« angesehen wird. Mit diesem Resümee geben sich jedoch nicht alle Wissenschaftler zufrieden.

So fordern einschlägig ausgewiesene Experten aus Kanada und den USA jetzt in einem Brief an das Fachjournal »Science«, bei der Suche nach der Ursache der Pandemie nicht nachzulassen. Sie sehen gravierende Mängel in dem 313 Seiten starken Abschlussbericht der WHO, in dem nur auf vier Seiten zu der Möglichkeit eines Laborunfalls eingegangen wird. Auch WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus äußerte sich nicht überzeugt von den Schlussfolgerungen der Kommission und bot zusätzliche Ressourcen an, um die Möglichkeit eines Laborunfalls umfassender zu bewerten.

Alle Hypothesen ernst nehmen

Der Aufruf der Forscher appelliert an die wissenschaftliche Gemeinschaft, alle Hypothesen ernst zu nehmen, bis genügend Daten vorliegen, um den Ursprung der Pandemie überzeugend erklären zu können. Dazu seien weitere Untersuchung erforderlich, die unabhängig, transparent, objektiv und datengestützt durchzuführen seien. Hierfür müssten sowohl die Gesundheitsbehörden als auch die Forschungslaboratorien ihre Unterlagen der Öffentlichkeit zugänglich machen. Die involvierten Forscher sollten den Wahrheitsgehalt und die Herkunft der Daten dokumentieren, auf deren Basis Analysen durchgeführt und Schlussfolgerungen gezogen würden, um eine Reproduktion der Analysen von unabhängigen Experten möglich zu machen.

Nicht unbedingt vertrauensfördernd war die Erfahrung, dass es zu Beginn der Pandemie chinesische Ärzte, Wissenschaftler, Journalisten und Bürger waren, die entscheidende Informationen über die Ausbreitung des Virus mit der Welt teilten – oft unter großen persönlichen Risiken. Daher ist nach Meinung der Autoren ein sachlicher, wissenschaftlich fundierter Diskurs über das schwierige, aber wichtige Thema alternativlos.

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