| Jennifer Evans |
| 23.04.2026 07:00 Uhr |
Essstörungen bei Männern und Jungen: Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sind oft hilflos und fordern spezialisierte Fortbildung. / © Shutterstock/Pixel-Shot
Ambulante Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten haben deutliche Wissenslücken und ihnen fehlt das Selbstvertrauen, wenn es um den Umgang mit Essstörungen oder Muskeldysmorphie bei Jungen und Männern geht. Das berichteten rund 260 Fachkräfte aus den USA und Kanada im Rahmen einer Studie, die im Fachjournal »Eating Disorders« erschienen ist. Daten zu Krankenhausaufenthalten und zur Prävalenz in der Bevölkerung belegen demnach einen starken Anstieg dieser Störungen in ganz Nordamerika und international.
Derzeit lernen aber nur wenige Therapeutinnen und Therapeuten während ihres Studiums oder in späteren Fortbildungen etwas zu diesem Thema. Doch wer eine entsprechende Schulung absolviert hat, spricht im Anschluss von einem spürbaren Nutzen für die eigene Arbeit, wie die Untersuchung um den Hauptautor Dr. Kyle T. Ganson, Dozent an der Factor-Inwentash-Fakultät für Sozialarbeit der Universität Toronto, zeigte.
Auch muskelorientierte Themen wie »Bulking«, »Cutting« oder exzessives Training kommen in der Ausbildung kaum vor, obwohl sie in der Praxis häufig auftreten. Als Bulking bezeichnet man die Phase des Muskelaufbaus, bei der Bodybuilder viele Kalorien zu sich nehmen. Beim späteren Cutting wird das überschüssige Körperfett wieder abgebaut, um die Muskeln zu definieren.
Konkret gaben knapp 71 Prozent der Befragten an, keine oder nur sehr wenige Kenntnisse über Essstörungen bei Männern und Jungen zu haben. Und 77,5 Prozent fühlen sich nach eigenen Angaben unsicher, diese Störungen richtig therapieren zu können. Bei Muskeldysmorphie schätzen sogar gut 80 Prozent ihr Wissen als entweder nicht oder lediglich kaum vorhanden ein. Entsprechend fehlt 83,5 Prozent das Selbstvertrauen, diese Patientengruppe angemessen zu behandeln.
Die Befragten formulieren klar den Fortbildungsbedarf. Sie wollen Risikofaktoren und Symptomverläufe besser verstehen, Behandlungen stärker auf männliche Erfahrungen zuschneiden und Hindernisse wie Scham oder Stigmatisierung gezielt ansprechen können.
Das Autorenteam hebt hervor, dass überraschenderweise nur wenige den Bedarf an Schulungen zur Beziehungsgestaltung zwischen Therapeuten und Patienten einforderten, obwohl Jungen und Männer generell seltener Hilfe suchen und ihre Behandlungen häufiger abbrechen.
Die Forschenden betonen, dass eine bessere Ausbildung oder spezialisierte Fortbildungen Diagnostik und Versorgung deutlich stärken und so Unterdiagnosen oder Behandlungsverzögerungen vermeiden könnten.