| Jennifer Evans |
| 19.08.2026 18:00 Uhr |
In Krisen sind Apothekerinnen und Apotheker weit mehr als Arzneimittelexperten; sie sind eine tragende Säule der humanitären Hilfe. / © IMAGO/SOPA Images
Luftangriffe, Waldbrände, Erdbeben, Vulkanausbrüche – bei humanitären Einsätzen müssen Apothekerinnen und Apotheker weit mehr leisten, als die Arzneimittelversorgung sicherzustellen. In einem Webinar des Weltapothekerverbands – FIP haben heute Pharmazeutinnen und Pharmazeuten von ihren Erfahrungen in unterschiedlichen Krisengebieten berichtet. Anlass war der Welttag der humanitären Hilfe. Im Jahr 2018 hatte die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 19. August dazu erklärt. Der internationale Aktionstag würdigt Menschen, die ihr Leben während eines humanitären Einsatzes riskierten.
Als Spanien in diesem Sommer wegen der verheerenden Waldbrände den nationalen Notstand der Stufe 3 ausrief, griff das Katastrophenschutzsystem des Landes. Dem Staat war es dadurch möglich, Maßnahmen zu zentralisieren und alle Akteure zur Zusammenarbeit zu verpflichten. »Ohne gute Koordination hätte es nicht geklappt«, sagte Miguel Ángel Martin Bazo, Generalsekretär der Apothekerkammer von Ávila. Die Kooperation zwischen Berufsverbänden, Gesundheitsbehörden und Hilfsorganisationen funktioniere in Spanien hervorragend. So hätten Apothekerinnen und Apotheker gemeinsam mit dem Roten Kreuz geplant, wer welche Medikamente in welche Regionen bringt – und sich entsprechend aufgeteilt.
Er betonte, wie wichtig es sei, den Berufsstand auf zusätzliche Aufgaben vorzubereiten – praktisch wie mental. Die Apothekenteams hätten medizinische Ersthilfe leisten müssen: Brandwunden versorgen, Augenreizungen behandeln, Atemwegsprobleme stabilisieren. Der Einsatz habe gezeigt, wie entscheidend klare Ablaufprotokolle, verlässliche Kommunikationswege und interdisziplinäre Zusammenarbeit sind. Sein Rat an andere Länder: sich frühzeitig solide aufstellen, um in humanitären Krisen nicht unnötig wertvolle Zeit zu verlieren.
Wie weit Vorbereitung gehen kann, erläuterte Professor Dr. Erwin Faller, Akademischer Direktor am Holy Child Central Colleges auf den Philippinen. Dort sei nicht nur das Gesundheitspersonal geschult, sondern die gesamte Bevölkerung. Jeder Philippiner kenne seine Rolle im Ernstfall, berichtete er.
Für Apothekerinnen und Apotheker gehe es im Notfall um weit mehr als die Versorgung. Sie bräuchten auch funktionierende Workflows für Triage und Panikmanagement. Während der Vulkanausbrüche hätten sie sogar Unterkünfte gebaut, Decken, Matten und Wasser bereitgestellt – für Betroffene ebenso wie für medizinische Fachkräfte. Zudem hätten sie Aufklärungsarbeit geleistet und psychologische Unterstützung organisiert. Aber ausgerechnet die psychische Betreuung für Apothekerinnen und Apotheker nach dem Einsatz in Krisengebieten werde oft unterschätzt, bedauerte Faller.
Das bestätigte auch Dr. Luna Elbizri, Gründerin und Geschäftsführerin von LunaPharm im Libanon. Dort mussten Apotheken Menschen versorgen, die sich während der Luftangriffe außerhalb der Notunterkünfte befanden. Viele konnten aus finanziellen Gründen nicht ins Krankenhaus. Eine zentrale Aufgabe der Apotheken sei es gewesen, Patientinnen und Patienten auf erschwingliche Behandlungen umzustellen und leichte Beschwerden kostengünstig zu behandeln.
Häufig sei es zunächst darum gegangen, die Menschen zu beruhigen. »Sie kamen verzweifelt, oft mit unbekannten Medikamenten ohne Verpackung, und waren mit den generischen Namen nicht vertraut«, sagte Elbizri. Kein Wunder – viele waren gerade um ihr Leben gerannt. Das Apothekenteam habe daher zuerst Vertrauen aufgebaut: mit Empathie, Geduld und klarer Kommunikation. Auch psychische Belastungen hätten sie angesprochen. »Der Krieg interessiert uns nicht. Uns interessieren die Menschen«, betonte sie.
Elbizri gibt nicht auf – selbst nachdem ihre eigene Apotheke in Beirut erst beschädigt und später vollständig zerstört wurde. 18 Jahre lang hatte sie die Offizin geführt. Für sie steht dennoch fest: »Ich werde in dieser Gegend eine neue Apotheke aufbauen. Die Gemeinschaft dort liegt mir am Herzen.«
Während libanesische Patientinnen und Patienten die Apotheke selbstverständlich als erste Anlaufstelle nutzen, sieht es in der Demokratischen Republik Kongo anders aus. Das Misstrauen in das staatliche Gesundheitssystem sei groß, berichtet der Apotheker Pascal Tshisekedi Tshibangu vom Nationalen Apothekerrat, der zugleich als Außerordentlicher Professor an der Universität Kinshasa forscht. »Viele Menschen suchen lieber traditionelle Heiler auf«, sagt er.
Zwar kämen viele Betroffene im Zweifelsfall bevorzugt zunächst in die Apotheke, bevor sie ein Krankenhaus aufsuchten. Doch in den Offizinen fehlte es an grundlegender Schutzausrüstung – selbst für das Apothekenteam. Zusätzlich erschwerten Lieferschwierigkeiten essenzieller Medikamente sowie wiederkehrende Stromausfälle die Arbeit, weil unterbrochene Kühlketten die Lagerung empfindlicher Präparate unmöglich machten. Das habe die Versorgung und Eindämmung von Ebola‑Infektionen häufig verzögert.
Er kritisierte, dass die Behörden die Apothekerschaft viel zu spät in die Krisenbewältigung einbezogen und nur unzureichend kommuniziert hätten. Dabei liege eine besondere Stärke des Berufsstands darin, das Infektionsgeschehen früh erkennen zu können, und die Möglichkeit, als eine Art Frühwarnsystem für die Gesundheitsbehörden zu agieren. Voraussetzung dafür sei jedoch, dass man sie konsequent einbindet, stärkt und schützt.