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Opioid-Krise in den USA

Erstmals weniger Drogentote als im Vorjahr

Erstmals seit 20 Jahren ist in den USA die Zahl der Drogentoten pro Jahr nicht gestiegen, sondern gesunken. Ein Ende der Opioid-Krise ist jedoch noch nicht in Sicht. Neu veröffentliche Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der Epidemie.
Daniela Hüttemann
19.07.2019
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Diese Woche hat die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC vorläufige Zahlen zu den Drogentoten in den Vereinigten Staaten veröffentlicht. Demnach starben im vergangenen Jahr rund 68.600 Menschen an einer Überdosis – ein Minus von 5,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das ist erstmals eine Abnahme in fast 20 Jahren. Seit 1999, als knapp 16.850 Amerikaner an dem Konsum von Drogen starben, war die Zahl der Drogentoten kontinuierlich angestiegen auf zuletzt rund 72.200 Todesfälle im Jahr 2017. Als einer der Hauptgründe für die Opioid-Krise gilt die jahrelange sorglose Verschreibung von Opioiden wie Oxycodon, die viele Patienten in eine Abhängigkeit gestürzt hat.

Minister Alex Azar vom Ministerium für Gesundheitspflege und Soziale Dienste (HHS) sagte, die gemeinsamen Anstrengungen würden funktionieren: mehr Patienten bekommen eine Medikamenten-gestützte Behandlungen, Notfallmedikamente gegen Überdosierungen seien besser erhältlich und die Verordnungszahlen für Opioide gingen zurück. Von einem Sieg über die Epidemie können man aber noch nicht sprechen. Die Krise habe sich über 20 Jahre entwickelt und lasse sich nicht über Nacht lösen. Er warnte auch vor immer häufiger beobachteten Kokain- und Metamphetamin-Überdosen (Crystal Meth).

Neue Daten der US-Drogenbehörde DEA, deren Freigabe die »Washington Post« gerichtlich erstritten hat, illustrieren das Ausmaß der ärztlich verordneten Katastrophe: Während im Jahr 2006 rund 8,4 Milliarden Dosen Oxycodon und Hydrocodon von den Pharmafirmen ausgeliefert wurden, waren es 2012 sogar 12,6 Milliarden Dosen. Innerhalb von sieben Jahren sind demnach 76 Milliarden Einzeldosen Oxycodon und Hydrocodon distribuiert worden. Das entspricht rein rechnerisch 36 Dosen pro Jahr pro Einwohner der Vereinigten Staaten, wobei die Verteilung stark variiert.

Einer Analyse der »Washington Post« zufolge produzierten nur drei Firmen 90 Prozent dieser Opioide: SpecGx (eine Tochterfirma von Mallinckrodt), ­Actavis Pharma und ParPharmaceutical (eine Tochterfirma von Pharmaceuticals). Purdue Pharma, das Oxycodon in den 1990er-Jahren unter dem Namen Oxycontin in den USA auf den Markt gebracht hatte und von vielen für die Opioid-Krise verantwortlich gemacht wird, hatte im genannten Zeitraum einen Marktanteil von 3 Prozent und lag damit auf Rang vier. 

Distribuiert wurden 75 Prozent der 76 Milliarden Dosen zu 90 Prozent über sechs Firmen: McKesson, Walgreens, Cardinal Health, AmerisourceBergen, CVS Health und Walmart. Alle zehn genannten Firmen sowie einig weitere sind derzeit aufgrund ihrer Geschäftspraktiken angeklagt. Sogar Absprachen werden vermutet. Auch Ärzten und Apothekern wird eine Mitschuld für die Krise zugeschrieben.

Dabei legen Untersuchungen auch nahe, dass Apotheker bei der Bekämpfung der Krise eine wichtige Rolle spielen können, unter anderem durch ein angemessenes Schmerzmanagement, Monitoring-Programme für verschreibungspflichtige Substanzen, Hinweisen zur sicheren Lagerung und Anwendung von Opioiden, den Verkauf und die Schulung von Naloxon-Notfallsets sowie Medikationsanalysen und Beratung, wie ein im April in der Zeitschrift »American Journal of Health-System Pharmacy« veröffentlichtes Review darlegt.

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