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Odevixibat

Erstes Medikament für seltene Lebererkrankung kurz vor Zulassung

Für Patienten mit Byler-Syndrom, einer seltenen genetischen Erkrankung der Leber, könnte bald erstmals ein Medikament zur Verfügung stehen. Die EMA empfiehlt die Zulassung von Odevixibat. Der Wirkmechanismus könnte aber auch für Mainstream-Erkrankungen wie Reizdarm und nicht alkoholische Fettleber interessant sein.
Daniela Hüttemann
25.05.2021  15:00 Uhr

Odevixibat (Bylvay® von Albireo) ist ein reversibler, selektiver Inhibitor des ilealen Gallensäure-Transporters (IBAT), der sich im letzten Teil des Dünndarm, dem Ileum befindet. Odevixibat soll dort lokal wirken und die Wiederaufnahme von Gallensäuren reduzieren und ihre Ausscheidung erhöhen; der Gallensäure-Spiegel im Blut soll sinken.

Damit soll Patienten mit dem Byler-Syndrom, auch progressive familiäre intrahepatische Cholestase (PFIC) genannt, geholfen werden. Dabei handelt es sich um eine seltene genetische, lebensbedrohliche Erkrankung. Die Leberzellen der Betroffenen können schlechter Galle absondern, die im Verdauungstrakt gebraucht wird, um Fette zu spalten. Stattdessen reichert sich die Galle in der Leber an und das Organ kann zerstört werden. Die meisten Betroffenen entwickeln schon in den ersten Lebensmonaten Symptome und leiden unter anderem unter sehr starkem Juckreiz. Etwa nur die Hälfte der Kinder wird bislang älter als zehn Jahre alt. Bisher erhalten sie lediglich eine spezielle Diät und eine Substitution fettlöslicher Vitamine und wenn möglich eine Lebertransplantation.

In klinischen Studien konnte Odevixibat die Serum-Gallensäure-Spiegel sowie den Juckreiz der Patienten senken. Leber- und Fibrosewerte besserten sich oder waren über die Dauer der Studie (72 Wochen) zumindest stabil. Ob der neue Arzneistoff wirklich die Progression der Erkrankung und den Bedarf einer Lebertransplantation verzögert oder gar das Leben verlängert, ist noch nicht klar. Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittelagentur hat aufgrund des dringenden Bedarfs daher zwar die Zulassungsempfehlung für das Orphan Drug ausgesprochen, fordert aber weitere Registerdaten zum Langzeit-Therapieerfolg. Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen Durchfall, Bauchschmerzen, hämorrhagischer Durchfall, weicher Stuhl und eine vergrößerte Leber.

Eingesetzt werden soll das Medikament einmal täglich bei Patienten ab einem Alter von sechs Monaten. Es soll in Kapselform auf den Markt kommen, die geöffnet werden darf, um das enthaltene Pulver über das Essen zu streuen. Hersteller Albireo mit Sitz in Boston und Göteborg ist spezialisiert auf die Medikamentenentwicklung für seltene Lebererkrankungen. Odevixibat wird auch bei Patienten mit biliärer Artresie (ein Verschluss der Gallengänge durch eine progressive Sklerosierung) und Alagille-Syndrom klinisch getestet.

Das Target, der Gallensäuretransporter IBAT, ist aber auch für andere sehr viel häufigere Indikationen interessant. Albireo hat die verwandte Substanz Elobixibat an Ferring Pharmaceuticals und Ajinomoto Pharmaceuticals lizenziert. Es soll in den Indikationen Verstopfung und Reizdarmsyndrom vom Obstipations-Typ entwickelt werden.

Volixibat wird als Mittel gegen die nicht alkoholische Fettleber (NASH) entwickelt – ein bislang unabgedecktes Indikationsgebiet, das Millionen Menschen weltweit betrifft. In einer im August 2020 im »New England Journal of Medicine« veröffentlichten Phase-II-Studie konnte die Substanz zwar einen Biomarker für die Gallensäure-Synthese senken, doch gab es nach 24 Wochen Behandlung keinen klinischen Benefit in Bezug auf Steatose und Leberschäden bei NASH-Patienten. Eine Phase-III-Studie in dieser Indikation ist noch nicht angelaufen. Dafür wird die Substanz auch bei primär sklerosierender Cholangitis (PSC), einer seltenen Erkrankung der Gallengänge, sowie der intrahepatischen Cholestase bei Schwangeren untersucht.

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