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Givosiran

Erstes Medikament für seltene Erbkrankheit

Die Europäische Kommission hat Givosiran (Givlaari™, Alnylam) zur Behandlung der seltenen Erbkrankheit akute hepatische Porphyrie (AHP) zugelassen. Bisher gab es für die Betroffenen keine zugelassene medikamentöse Therapie.
Kerstin A. Gräfe
10.03.2020  13:42 Uhr

Die akute hepatische Porphyrie ist eine seltene, erbliche Stoffwechselerkrankung. Aufgrund eines genetischen Defekts mangelt es Betroffenen an einem der Enzyme, die für die Häm-Biosynthese verantwortlich sind. In der Folge akkumulieren bei ihnen Porphyrine, Zwischenprodukte der Häm-Synthese, was zu schweren Bauchschmerzen und Erbrechen führen kann. Auch Störungen des Nervensystems wie epileptische Anfälle, Depressionen und Angstzustände sind möglich. Die AHP ist potenziell tödlich, da es während einer Attacke zu Lähmungen und Atemstillstand kommen kann. Bislang stand für Betroffene kein zugelassenes Medikament zur Verfügung.

Der neue Wirkstoff Givosiran darf bei Patienten mit AHP ab einem Alter von zwölf Jahren eingesetzt werden. Es handelt sich um ein RNAi-Therapeutikum, mit dessen Hilfe neurotoxische Zwischenprodukte wie Aminolävulinsäure (ALA) reduziert werden, die die Porphyrie-Episoden und andere Krankheitsmanifestationen der AHP verursachen. Das neue Medikament ist zur Dauertherapie gedacht und soll monatlich subkutan appliziert werden.

Die Zulassung basiert auf der Phase-III-Studie ENVISION mit 94 AHP-Patienten. Primärer Endpunkt war die auf das Jahr hochgerechnete Attacken-Frequenz aus Krankenhauseinweisung, Notfallbehandlung oder intravenöser Hämin-Therapie zu Hause. Unter Givosiran reduzierte sich das Risiko für diesen Endpunkt signifikant auf 3,2 Prozent gegenüber 12,5 Prozent unter Placebo. 50 Prozent der Patienten blieben unter Givosiran während des Behandlungszeitraums von sechs Monaten anfallsfrei, in der Placebogruppe war dies bei 16,3 Prozent der Patienten der Fall. Unerwünschte Wirkungen traten bei 89,6 Prozent in der Givosiran-Gruppe und bei 80,4 Prozent in der Placebogruppe auf. 93 von 94 Patienten entschieden sich aber dafür, die Givosiran-Behandlung nach der Studie fortzuführen.

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