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Diagnostiklabore

Erster Überblick über Corona-Varianten in Deutschland 

Die Labore in Deutschland haben nach Zehntausenden Testungen einen ersten Überblick über die Ausbreitung von Corona-Varianten hierzulande. Demnach sind die Varianten B.1.1.7 und B.1.351 in Deutschland angekommen.
dpa
02.02.2021  17:23 Uhr

»Was hier durchs Land schwirrt, ist im einstelligen Prozentbereich«, sagte der Laborbetreiber Evangelos Kotsopoulos am Dienstag bei einem Pressegespräch des Verbands der Akkreditierten Labore (ALM) in der Medizin. Er betonte aber, dass erst seit einer guten Woche gezielt getestet werde und die Zahlen bisher meist aus der Cluster-Nachverfolgung stammten. Sprich: Die Menschen in den Infektionsherden können sich gegenseitig mit mutierten Virus-Varianten infizieren, weswegen eine statistische Verzerrung wahrscheinlich ist.

Mit speziellen Tests wollen die Labore einen flächendeckenden Überblick über hochansteckende Corona-Mutanten wie die britische Variante B 1.1.7 und die südafrikanische Variante B.1.351 bekommen. Nach ihnen wird mittels Vollgenomsequenzierung und auf spezifische Mutationen ausgerichtete PCR-Untersuchungen verstärkt gefahndet. Zu dem Zweck sollen etwa 8 bis 10Prozent aller positiven Corona-Tests mit einem separaten sogenannten PCR-Kit nachgetestet werden. Es weist charakteristische Mutationen der Varianzen gezielt nach. »Das wird hier massiv hochgefahren«, sagte Kotsopoulos. Die benötigten Kits gebe es aber erst seit etwas mehr als einer Woche. In der vergangenen Woche seien mehrere Zehntausend PCR-Nachtestungen auf Mutanten durchgeführt worden. Mit einem genauen Ergebnis könne in wenigen Tagen gerechnet werden, hieß es. Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) werde dazu einen Bericht veröffentlichen.

Vollgenomsequenzierung dauert etwa eine Woche

Aufwendiger als die PCR-Testung sind Vollgenomsequenzierungen. Wie diese Methode funktioniert, berichtet Hendrik Borucki vom privaten Labor Bioscientia in Ingelheim der Deutschen Presseagentur. Die Analyse des Coronavirus-Erbguts sei hochkomplex und dauere mehrere Tage. Vom positiven SARS-CoV-2-Laborbefund nach einem PCR-Test bis zu den Daten, die an das RKI übermittelt werden, verginge etwa eine Woche. Bis zu 1500 Proben kann Bioscientia von jetzt an pro Woche auf Mutanten analysieren - dank eines rund 1,6 Millionen Euro teuren Sequenzier-Automaten. Er bestimmt die Reihenfolge der Basen in der Virus-RNA und ermöglicht so Vergleiche.

Drei bis vier Medizinisch-Technische Assistenten seien etwa drei bis vier Tage mit der Aufbereitung der viralen Nukleinsäure-Moleküle des Coronavirus für die automatische Analyse in der Maschine voll beschäftigt, sagt Bioscientia-Sprecher Borucki. Eine MTA könne pro Tag mithilfe von speziellen Geräten 96 Proben für die Sequenzierung vorbereiten. Denn das Virusgenom mit seinen rund 30.000 Bausteinen sei zu lang für die direkte Verarbeitung und müsse daher in 250er-Fragmente zerteilt, markiert und biochemisch an eine Platte gebunden werden. »Alle Fragmente müssen untersucht und die Daten anschließend wieder zusammengesetzt werden.«

Der Sequenzier-Automat brauche schließlich etwa 26 Stunden für die Sequenzierung der Genom-Fragmente auf den Platten. Am Ende liege die Information über die genaue Abfolge der Basenpaare in jeder einzelnen Patientenprobe vor. Bio-Informatiker gleichen sie mit der Referenz-Sequenz des Virus aus Datenbanken ab - und finden so unter anderem die derzeit gefürchteten Mutanten aus Großbritannien, Südafrika und Brasilien. Die Fehlerquote tendiere dabei gegen null, sagt Bioscientia-Geschäftsführer Oliver Harzer.

Um herauszufinden, wie schnell sich vor allem die britische Mutante B.1.1.7 verbreitet, hat das RKI eine Sequenzierung von 5 Prozent der Neuinfektionen angeordnet. Unterhalb der Grenze von 70.000 Neuinfektionen pro Woche sollen es 10 Prozent werden. Es gehe darum, in Deutschland eigene Daten über die Schnelligkeit der Verbreitung zu erheben, sagte Harzer. Diese könne von Land zu Land unterschiedlich ausfallen.

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