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Yamanaka-Faktoren
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Erste Studie zur zellulären Verjüngung am Menschen

Lässt sich eine gealterte Zelle wie eine biologische Uhr zurückdrehen, sodass sie neue Kraft erhält, ohne ihre spezialisierte Funktion zu verlieren? Genau das verspricht ein junges Forschungsfeld. Erstmals soll das Konzept nun am Menschen getestet werden.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 09.04.2026  13:00 Uhr

Im Jahr 2006 entdeckte der japanische Stammzellforscher Shinya Yamanaka, dass sich ausgereifte, spezialisierte Körperzellen durch die gezielte Einschleusung von nur vier Proteinen vollständig in einen stammzellähnlichen Zustand zurückversetzen lassen. Bei diesen Proteinen handelt es sich um Transkriptionsfaktoren, die die Aktivität von Genen steuern.

Die aus dieser Behandlung resultierenden induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS-Zellen) besitzen die Fähigkeit, sich in nahezu jeden Zelltyp des Körpers zu entwickeln. Die Entdeckung war so bahnbrechend, dass Yamanaka dafür 2012 den Nobelpreis für Medizin erhielt.

Doch die vollständige Umprogrammierung birgt ein erhebliches Risiko: Zellen, die ihre Identität verlieren, können unkontrolliert wachsen und Krebs auslösen. Schon früh fragten sich einige Forscher daher, ob man den Prozess nicht gewissermaßen auf halbem Wege stoppen könnte, um zu verhindern, dass die Zellen ihre spezialisierten Funktionen verlieren.

Zwei Jahrzehnte nach Yamanakas Entdeckung ist das Konzept der partiellen Reprogrammierung zu einem spannenden Feld der Longivity-Forschung geworden. Eine erste Anwendung am Menschen steht unmittelbar bevor, wie die Wissenschaftsjournalistin Dr. Heidi Ledford in einem Beitrag in der Kategorie »News & Views« im Wissenschaftsmagazin »Nature« berichtet.

Von der Maus zum Menschen

Die präklinischen Ergebnisse der vergangenen Jahre sind bemerkenswert. In Mausmodellen verbesserte die vorrübergehende Ein- und Ausschaltung der Expression der Yamanaka-Faktoren die Geweberegeneration in Muskeln und Bauchspeicheldrüse, reduzierte Narbengewebe, stärkte die Herzregeneration nach Verletzung und verlängerte die Lebensspanne von Tieren mit Progerie, einer Erkrankung, die beschleunigtes Altern verursacht. Besonders bedeutsam war eine Studie, in der gezeigt wurde, dass nach systemischer Verabreichung von drei der vier Faktoren keine Tumore entstanden, aber mehrere Gesundheitsparameter sich verbesserten und die Tiere länger lebten. Der Faktor, der weggelassen wurde, war das Onkogen c-Myc,

Jüngste Experimente gehen noch weiter. Hier gelange es Forschenden aus der Schweiz, sogenannte Engramm-Zellen in gealterten Mäusen und in Alzheimer-Tiermodellen partiell umzuprogrammieren. Diese Zellen sind die für die Speicherung von Erinnerungen zuständig. Die Tiere zeigten danach verbesserte Gedächtnisleistungen; krankhafte epigenetische Muster in diesen Zellen wurden auf ein normaleres Profil zurückgesetzt.

Die erste Studie am Menschen

Das Biotechnologieunternehmen Life Biosciences aus Boston, mitgegründet von dem bekannten Harvard-Altersforscher Professor Dr. David Sinclair, wird voraussichtlich als erstes Unternehmen den Schritt in die Anwendung am Menschen wagen. In einer Phase-I-Studie sollen zunächst bis zu zwölf Patienten mit einem Glaukom behandelt werden.

Mithilfe eines viralen Vektors werden die Gene dreier Yamanaka-Faktoren in die Netzhaut des betroffenen Auges einzuschleust. Damit die Gene nicht unkontrolliert aktiv sind, werden sie durch einen Schalter reguliert, der die Expression nur in Gegenwart eines Antibiotikums aktiviert. Vorversuche an Affen hätten keine Hinweise auf Krebs oder andere schwerwiegende Nebenwirkungen ergeben, heißt es von dem Unternehmen.

Ob die Behandlung tatsächlich funktioniert, wird diese erste Studie noch nicht belastbar beantworten. Skeptiker merken zudem an, dass die Wiederherstellung von Nervenwachstum im Auge nicht zwingend gleichbedeutend ist mit einer echten Umkehr des Alterungsprozesses.

Risiken und offene Fragen

So vielversprechend die Ergebnisse sind, so deutlich sind auch die wissenschaftlichen Vorbehalte. Verschiedene Zelltypen reagieren unterschiedlich stark auf die Umprogrammierung. Was für eine Zellpopulation therapeutisch sinnvoll dosiert ist, kann für benachbarte Zellen bereits eine gefährliche Überdosis bedeuten und maligne Transformationen auslösen. Eine systemische Anwendung am ganzen menschlichen Körper, wie sie in Mäusen erprobt wurde, gilt daher derzeit als zu riskant.

Darüber hinaus sind die zugrundeliegenden biologischen Mechanismen noch nicht vollständig verstanden. Welche Schritte genau dazu führen, dass eine Zelle epigenetisch verjüngt wird, ohne ihre Identität zu verlieren, ist eine der zentralen offenen Fragen des Feldes.

Derartige Details beurteilen Investoren offensichtlich eher als nachrangig. Jedenfalls spiegelt das Investitionsklima enorme Erwartungen an die aktuellen Entwicklungen wider. Als das Unternehmen Altos Labs 2022 mit drei Milliarden US-Dollar Startkapital gegründet wurde, stellte dies einen Rekord für Biotech-Startups dar. Namhafte Technologieinvestoren, darunter OpenAI-Chef Sam Altman und Coinbase-Gründer Brian Armstrong, haben weitere Mittel in verwandte Unternehmen gelenkt. Diese Kapitalkonzentration beschleunigt die Forschung erheblich, birgt aber auch die Gefahr, dass öffentliche Erwartungen der wissenschaftlichen Evidenzlage weit vorauseilen.

Erfahrene Altersforscher mahnen daher zur Zurückhaltung: Das Potenzial sei tatsächlich groß, belastbare Belege für einen therapeutischen Nutzen beim Menschen lägen jedoch noch nicht vor. Solche Stimmen sind wichtig in einem Feld, das durch spektakuläre Versprechen ebenso wie durch solide Wissenschaft geprägt wird.

Der bevorstehende Start der ersten klinischen Studie markiert dennoch einen Wendepunkt. Partielle Reprogrammierung tritt den Beweis an, dass sie mehr ist als ein elegantes Konzept im Tiermodell. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die Biologie des Alterns tatsächlich umkehrbar ist, und wenn ja, zu welchem Preis.

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