| Theo Dingermann |
| 04.05.2026 10:30 Uhr |
Venter liebte den Widerspruch. Er stellte öffentlich infrage, ob tierexperimentelle Forschung direkt auf den Menschen übertragbar sei, und provozierte Kollegen mit pointierten Thesen. Sein Stil war ruppig, sein Ego legendär.
Und doch war genau diese Kombination Teil seines Erfolgs. Wer ein Projekt wie die Entschlüsselung des menschlichen Genoms gegen etablierte Strukturen durchsetzen will, braucht mehr als wissenschaftliche Brillanz. Er braucht Durchsetzungswillen. Oder, wie Venter selbst es formulierte: Ruhestand sei für ihn »gleichbedeutend mit dem Tod«.
Viele seiner Visionen erfüllten sich erst spät. Die Idee, genetische Daten kommerziell zu verwerten, scheiterte zunächst. Celera wurde nicht zum Datenmonopolisten der Biomedizin. Doch die Grundannahme erwies sich als richtig: Heute ist Genomsequenzierung Routine, personalisierte Medizin Realität, und die Kosten für DNA-Analysen sind dramatisch gefallen. Venter hatte die Zukunft früher gesehen, aber er lebte noch nicht ganz in ihr.
Craig Venter hinterlässt kein einfaches Erbe. Er hat die Biologie industrialisiert, ohne sie zu entzaubern. Er hat sie kommerzialisiert, ohne sie vollständig zu vereinnahmen. Und er hat sie beschleunigt, manchmal mehr, als ihr gut tat. Vor allem aber hat er gezeigt, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht nur aus Ideen besteht, sondern aus Haltung: aus Risikobereitschaft, Streitlust und der Weigerung, sich an bestehende Grenzen zu halten.
Für die meisten ist Venter (noch) vor allem der Wissenschaftler, der sich als Privatmann auf einen Wettlauf um die Entschlüsselung des humanen Genoms eingelassen hat. Dabei hat er etwas viel Grundsätzlicheres geleistet: Er hat der Biologie beigebracht, groß zu denken.