| Theo Dingermann |
| 04.05.2026 10:30 Uhr |
Der US-amerikanische Genforscher Craig Venter ist am 29. April im Alter von 79 Jahren verstorben. / © Imago Images/Newscom/El Pais
Professor Dr. J. Craig Venter starb am Donnerstag, den 29. April 2026 im Alter von 79 Jahren an den Folgen einer Krebstherapie. Venter war der Mann, der die Biologie beschleunigte und sie zugleich gegen sich selbst aufbrachte. Mit ihm verliert die Lebenswissenschaft nicht nur einen Pionier, sondern eine Figur, an der sich die Grundfragen eines ganzen Forschungsfeldes entzündeten: Wem gehört genetisches Wissen? Wie schnell darf Wissenschaft sein? Und was passiert, wenn sie sich dem Markt öffnet?
Venter hat die Genomik nicht erfunden. Aber er hat sie von einer handwerklichen Disziplin in eine datengetriebene Hochtechnologie katapultiert. An den National Institutes of Health (NIH) entwickelte er für die damalige Zeit revolutionäre Methoden, darunter das Sequenzieren von DNA mit sogenannten Expressed Sequence Tags (EST).
Darunter versteht man kurze DNA-Sequenzen von einigen Hundert Basenpaaren Länge, die durch partielle Sequenzierung von cDNA, also Kopien von mRNA, gewonnen werden. Diese Methode trieb die Sequenzierung des Humangenoms so effizient voran, dass sich Venter mit seinem privaten Unternehmen Celera Genomics entschloss, in einen Wettstreit mit dem öffentlich finanzierten Human Genome Project – einem der ambitioniertesten Forschungsvorhaben der modernen Molekularbiologie – einzutreten. Dieser Wettstreit, Wissenschaft gegen Wissenschaft, Staat gegen Markt, wurde zum Symbol einer Zeitenwende. Im Jahr 2000 endete er demonstrativ mit einem Gleichstand auf dem Rasen des Weißen Hauses.
Doch der eigentliche Triumph lag tiefer: Venter hatte gezeigt, dass Genomik skalierbar ist. Dass man nicht mehr Gen für Gen verstehen muss, sondern ganze Genome auf einmal lesen kann.
Venter war nie nur Wissenschaftler. Er war Grenzgänger zwischen Disziplinen, Institutionen und Ideologien. Er gründete Institute und Firmen, patentierte Gensequenzen, provozierte Ethikdebatten und schuf damit gleichsam neue Berufsfelder – von Patentanwälten bis Bioethikern.
Seine Kritiker sahen in ihm einen Getriebenen, der Wissenschaft kommerzialisierte, seine Anhänger einen Visionär, der sie endlich voranbrachte. Wahrscheinlich war er beides zugleich. Sein Selbstbild passte in keine Schublade. Er verstand sich als jemanden, der »dem Instinkt folgt und Experimente macht«, auch wenn sie etablierte Denkweisen infrage stellen. Diese Haltung führte zu radikalen Experimenten: Venter und sein Team synthetisierten ein vollständiges bakterielles Genom und setzten es in eine Zelle ein – ein Meilenstein der synthetischen Biologie.
Wer Venter nur als Genomunternehmer begreift, unterschätzt seine Neugier. Mit der Segelyacht Sorcerer II umrundete er die Welt, sammelte Meeresproben und erschloss die genetische Vielfalt der Ozeane. Millionen bislang unbekannter Gene wurden identifiziert, ganze mikrobielle Ökosysteme kartiert.
Diese Expeditionen waren mehr als spektakuläre Wissenschaftsreisen. Sie waren ein Manifest: Entdeckung ist nicht abgeschlossen, sondern beginnt immer wieder neu, oft dort, wo andere Disziplinen ihre Zuständigkeit enden sehen.
Venter liebte den Widerspruch. Er stellte öffentlich infrage, ob tierexperimentelle Forschung direkt auf den Menschen übertragbar sei, und provozierte Kollegen mit pointierten Thesen. Sein Stil war ruppig, sein Ego legendär.
Und doch war genau diese Kombination Teil seines Erfolgs. Wer ein Projekt wie die Entschlüsselung des menschlichen Genoms gegen etablierte Strukturen durchsetzen will, braucht mehr als wissenschaftliche Brillanz. Er braucht Durchsetzungswillen. Oder, wie Venter selbst es formulierte: Ruhestand sei für ihn »gleichbedeutend mit dem Tod«.
Viele seiner Visionen erfüllten sich erst spät. Die Idee, genetische Daten kommerziell zu verwerten, scheiterte zunächst. Celera wurde nicht zum Datenmonopolisten der Biomedizin. Doch die Grundannahme erwies sich als richtig: Heute ist Genomsequenzierung Routine, personalisierte Medizin Realität, und die Kosten für DNA-Analysen sind dramatisch gefallen. Venter hatte die Zukunft früher gesehen, aber er lebte noch nicht ganz in ihr.
Craig Venter hinterlässt kein einfaches Erbe. Er hat die Biologie industrialisiert, ohne sie zu entzaubern. Er hat sie kommerzialisiert, ohne sie vollständig zu vereinnahmen. Und er hat sie beschleunigt, manchmal mehr, als ihr gut tat. Vor allem aber hat er gezeigt, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht nur aus Ideen besteht, sondern aus Haltung: aus Risikobereitschaft, Streitlust und der Weigerung, sich an bestehende Grenzen zu halten.
Für die meisten ist Venter (noch) vor allem der Wissenschaftler, der sich als Privatmann auf einen Wettlauf um die Entschlüsselung des humanen Genoms eingelassen hat. Dabei hat er etwas viel Grundsätzlicheres geleistet: Er hat der Biologie beigebracht, groß zu denken.