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Raucherentwöhnung

Engagement der Apotheker ist »extrem wichtig«

Viele Raucher wollen aufhören mit dem Qualmen und brauchen Hilfe. Apotheker können sie wirksam begleiten und unterstützen. Eine neue S3-Leitlinie weist evidenzbasierte Wege.
Brigitte M. Gensthaler
26.01.2021  07:00 Uhr

»Es ist extrem wichtig, dass sich Apotheker in der Raucherberatung engagieren«, betonte Professor Dr. Anil Batra von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Tübingen, vergangene Woche bei einer Online-Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Bei der Pressekonferenz wurden die aktualisierten S3-Leitlinien zu Tabak- und Alkohol-bezogenen Störungen sowie die neue Leitlinie zu medikamentenbezogenen Störungen vorgestellt.

Apotheker hätten die Chance, Menschen in sensiblen Momenten anzusprechen, in denen sie empfänglich sind für gute Informationen zu ihrer Gesundheit. »Sie können diesen sogenannten teachable moment nutzen«, sagte der Psychiater und lobte das Engagement der Apotheker in der Beratung zum Rauchstopp. »Ich würde es sehr begrüßen, wenn dies noch häufiger angeboten wird.« Da Rauchen ein »Problem des Jugendalters« sei, müsse man hier beginnen und Angebote zum Ausstieg machen. Ärzte und Apotheker sowie alle Berufsgruppen im Gesundheitswesen sollten Unterstützung anbieten.

Zigarettenrauchen verursacht jährlich mehr Todesfälle als AIDS, Alkohol, illegale Drogen, Verkehrsunfälle, Morde und Suizide zusammen, meldet die DGPPN. Nach Schätzungen sind etwa 13,5 Prozent der Mortalität durch Tabakkonsum mitbedingt, und der kombinierte Tabak-und Alkoholkonsum macht etwa 6 Prozent der Gesamtmortalität aus. »Raucher leben durchschnittlich zehn Jahre kürzer als Nichtraucher«, betonte Batra. Nikotin sei ein Suchtmittel, das mit Gewohnheitsbildung, körperlicher und psychischer Abhängigkeit einhergeht. Der Arzt rief Politiker und Krankenkassen dazu auf, jegliche Maßnahmen, die zum Rauchstopp motivieren, zu unterstützen und zu fördern.

Behandlungsziel Abstinenz

»Das Behandlungsziel ist immer eine absolute Abstinenz, eine Verminderung des Rauchens zur Harm Reduction ist nur in Einzelfällen angebracht«, betonte Batra bei der Vorstellung der S3-Leitlinie »Rauchen und Tabakabhängigkeit: Screening, Diagnostik und Behandlung«

Erstes Ziel sei es, die Motivation zum Aufhören herzustellen und zu unterstützen. Dabei könnten niederschwellige Angebote hilfreich sein. Denn neben der aufwendigeren Verhaltenstherapie (KVT) in Einzel- und Gruppensitzungen haben sich auch Kurz- und Telefonberatung, internetbasierte und mobile Selbsthilfeprogramme als hilfreich erwiesen. Bei Personen, die stark tabakabhängig sind, sei eine Kombination aus Psycho- und Pharmakotherapie am wirksamsten, erklärte Batra.

Breites Spektrum an medikamentösen Ausstiegshilfen

Bei Entzugssymptomen empfiehlt die Leitlinie zunächst die Nikotinersatztherapie in verschiedenen Darreichungsformen wie Kaugummi, Inhaler, Lutschtablette, Nasal- oder Mundspray sowie Pflaster, die je nach Bedarf des Rauchers dosiert werden. Sie eignet sich auch zur Rückfallprophylaxe.

Zugelassene Arzneistoffe zur Tabakentwöhnung sind Bupropion und Vareniclin und seit Kurzem auch der partielle Nikotinrezeptor-Agonist Cytisin. Waren diese nicht erfolgreich, werden off Label auch Nortriptylin und Clonidin eingesetzt. Bei Medikamentengabe sollte den Patienten immer eine Beratung und eventuell Verhaltenstherapie angeboten werden.

Kinder, Jugendliche und Schwangere sollten keine Medikamente zur Entwöhnung einnehmen, heißt es in der Leitlinie. Nur in genau spezifizierten Ausnahmefällen könne Nikotinersatz eingesetzt werden.

E-Zigaretten zur Entwöhnung umstritten

Ob E-Zigaretten als Weg zur Nikotinabstinenz hilfreich sind, ist umstritten. Die Datenlage sei sehr widersprüchlich. »Viele Raucher sind duale Konsumenten, rauchen also neben der E-Zigarette auch normale Zigaretten.« Eine stationäre Nikotinentzugstherapie für Schwerstfälle war laut Batra in Österreich sehr erfolgreich, sei aber in Deutschland kaum denkbar.

Nach Erhebungen des Statistischen Bundesamts rauchen in Deutschland 22,4 Prozent der Menschen ab dem 15. Lebensjahr. Etwa 50 bis 60 Prozent gelten als abhängig; bundesweit sind dies etwa 7,5 bis 9 Millionen. Bei Kindern und Jugendlichen gehe die Rauchquote kontinuierlich zurück, so Batra, während sie bei Erwachsenen im jungen und mittleren Alter unverändert hoch bleibe. Die höchste Prävalenz hätten Männer zwischen dem 25. und 40. sowie Frauen zwischen dem 25. und 60. Lebensjahr.

 

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