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Fehleinschätzung

Eltern erkennen Übergewicht ihres Kindes häufig nicht

Mehr als die Hälfte der Eltern schätzen ihr Kind nicht als übergewichtig oder adipös ein, obwohl es das nach objektiven Kriterien ist. Die Kinder selbst teilen diese Fehleinschätzung häufig, zeigt eine aktuelle Metaanalyse britischer Forscher.
Christina Hohmann-Jeddi
30.04.2019
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„Trotz aller Versuche, das öffentliche Bewusstsein für das Problem der Adipositas zu schärfen, zeigen unsere Ergebnisse, dass ein höherer Gewichtsstatus bei Kindern häufig unterschätzt wird“, sagt Abrar Alshahrani von der Universität Nottingham in einer Mitteilung der Europäischen Gesellschaft für Adipositasforschung (EASO). Er hatte mit seinem Team die Frage untersucht, wie häufig der Gewichtsstatus eines Kindes falsch eingeschätzt wird und welche Risiken damit assoziiert sind. Hierzu sichteten die Forscher die vorliegende Literatur und werteten 87 Studien, die weltweit in den Jahren 2000 bis 2018 durchgeführt wurden und insgesamt fast 25.000 Kinder zwischen 0 und 19 Jahren umfassten, im Rahmen einer Metaanalyse aus.

Das Ergebnis: 55 Prozent aller Eltern unterschätzten das Ausmaß des Übergewichts ihrer Kinder. Etwa ein Drittel der Kinder und Jugendlichen selbst stufte seinen Gewichtsstatus ebenfalls zu gering ein. Gerade bei jüngeren Kindern fiel den Eltern die Einschätzung schwer und bei Jungen bereitete sie mehr Probleme als bei Mädchen. Eltern, die selbst übergewichtig waren oder einen niedrigen Bildungsgrad hatten, taten sich mit der korrekten Einschätzung besonders schwer. Auch die behandelnden Kinderärzte zeigten den Autoren zufolge eine Tendenz, den Übergewichtsgrad der Kinder als zu gering einzustufen. Ihre Ergebnisse präsentierten die Forscher aktuell auf dem europäischen Kongress für Adipositas im britischen Glasgow.

Die Fehleinschätzung kann lebenslange Folgen haben, denn Übergewicht, das im Kindesalter nicht erkannt wird, kann auch nicht behandelt werden. Es sei wichtig, die Faktoren, die zu falschen Einschätzungen von Gewichtsproblemen führen, zu identifizieren und zu adressieren, erklärt Alshahrani. Das könne die Kommunikation zwischen betroffenen Kindern, deren Eltern und behandelnden Ärzten verbessern und schließlich helfen, dass die Kinder die Unterstützung erhalten, die sie zum Gesundbleiben benötigen. In Europa gelten zwischen 19 und 49 Prozent der Jungen und 18 bis 43 Prozent der Mädchen als übergewichtig oder adipös, was 12 bis 16 Millionen übergewichtigen Kindern und Jugendlichen entspricht – die wenigsten von ihnen erhalten eine angemessene Behandlung.

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