| Jennifer Evans |
| 23.06.2026 07:00 Uhr |
Unternehmen setzen oft auf Produktivität und Engagement. Doch um diese Erwartungen erfüllen zu können, müssten die Beschäftigten Normkörper haben. / © Getty Images/Justin Paget
Anforderungen wie langes Sitzen, ständiges Tippen oder bei virtuellen Besprechungen ständig die Kamera laufen lassen müssen, erscheinen zunächst banal, belasteten jedoch Menschen mit chronischen Schmerzen sehr. Weil solche Regeln bei modernen Unternehmen allerdings als selbstverständlich gelten, deuten viele Betroffene ihre Schwierigkeiten als persönliches Versagen.
Arbeitsplätze setzten Normkörper voraus, die ohne Pausen und jederzeit ohne Leistungseinschränkung funktionierten – ein Anspruch, der viele Beschäftigte ausschließe, heißt es in einer Mitteilung der Universität Delaware, die eine kleine Studie mit 66 Teilnehmenden, die unter chronischen Schmerzen litten, durchführte.
Die Vorstellung eines »idealen Arbeitskörpers« fanden die Forschenden um Dr. Beth Schinoff, Hauptautorin und Assistenzprofessorin für Management an der Universität Delaware, über unterschiedliche Branchen hinweg. Die Wissenschaftlerinnen sprechen von einem Kreislauf aus Schmerz und Scham, der entsteht, wenn Beschäftigte regelmäßig ihre Grenzen ignorieren und Schmerzen verbergen, um leistungsfähig zu wirken. Dieser Druck verstärkt laut der Studie, die in der Fachzeitschrift »Academy of Management Journal« erschienen ist, die Leiden oft noch.
Das angepasste Verhalten im Job hatte Konsequenzen, schränkte irgendwann auch das Privatleben ein, wie rund zwei Drittel der Befragten berichteten. Nach Angaben der Universität konnten einige als Folge der beruflichen Belastung Tätigkeiten wie zum Beispiel Gläser öffnen oder Familienangehörige versorgen nicht mehr ausführen, zum Teil mussten sie ihren Beruf ganz aufgeben.
Andere hielten durch, weil sie entweder flexible Arbeitsbedingungen oder einen verständnisvollen Chef hatten. Das sieht das Autorinnenteam als Beleg dafür, dass chronische Schmerzen nicht nur eine medizinische Angelgenheit sind, sondern auch organisatorische Faktoren sie beeinflussen wie feste Strukturen und Erwartungen am Arbeitsplatz.
Viele der Studienteilnehmenden holten sich demnach ärztlichen Rat, um ihre Erfahrungen einordnen zu lassen. Die Verstädnis der Mediziner half ihnen, die Beziehung zum Job neu zu definieren. Im Gegensatz dazu blieben diejenigen, die in der Arztpraxis auf Skepsis oder Ablehnung stießen, oft in dem Schmerz-Scham-Kreislauf gefangen und überforderten sich weiter.
Am Ende präsentieren die Forscherinnen das Konzept des »ausreichenden Arbeiterkörpers« – ein Körper, der die Arbeit gut erledigt, aber eben auf individuelle Weise. Dazu gehören Pausen, alternative Arbeitspositionen, Diktieren statt Tippen oder an die Schmerzen angepasste Arbeitszeiten. Sie plädieren dafür, körperliche Vielfalt als Teil von Diversität zu verstehen und Arbeitsumgebungen so zu gestalten, dass unterschiedliche Körper darin bestehen können.