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Robert F. Kennedy Jr.
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Ein Jahr mit verheerender Bilanz

Ein Jahr ist der umstrittene US-amerikanische Gesundheitsminister Robert F Kennedy Jr. jetzt im Amt. Es war »1 year of failure« (ein Jahr des Versagens), wie das renommierte Wissenschaftsjournal »The Lancet« bilanziert.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 02.03.2026  12:00 Uhr

Versagen auf ganzer Linie: So lautet das Resümee eines Editorials des Wissenschaftsjournals »The Lancet«. Die Ausgabe vom 28. Februar 2026 besticht zudem durch ein ausgefallenes Umschlagsbild. Statt der sonst üblichen Illustration enthält das Deckblatt der Ausgabe den folgenden Text: »The destruction that Kennedy has wrought in 1 year might take generations to repair, and there is little hope for US health and science while he remains at the helm« (Die Zerstörung zu reparieren, die Kennedy in einem Jahr angerichtet hat, könnte Generationen dauern, und es besteht wenig Hoffnung für die Gesundheit und Wissenschaft der USA, solange er an der Spitze bleibt).

»The Lancet« erscheint im ursprünglich niederländischen Elsevier Verlag. Dieser gehört mittlerweile zum Medienkonzern RELX Group, der seinen Hauptsitz in London hat. Die Herausgeber der Zeitschrift haben also keine politischen Repressionen zu befürchten, wenn sie schreiben, das Wirken von RFK Jr. sei exemplarisch für eine politisch motivierte Demontage wissenschaftsbasierter Steuerung im Gesundheitssektor der USA mit potenziell extrem langfristigen Schäden für Forschung, öffentliche Gesundheit und internationale Glaubwürdigkeit.

Dabei war Kennedy angetreten mit der Ankündigung, das Vertrauen in die Bundesgesundheitsbehörden wiederherzustellen, das während der Covid-19-Pandemie deutlich gesunken war. Er versprach Transparenz, Wissenschaft nach Goldstandard, ethische Integrität und die Beseitigung von Interessenkonflikten.

Aber es kam anders. Bereits zehn Tage nach seiner programmatischen Antrittsrede hob das US-amerikanische Gesundheitsministerium HHS eine zuvor seit 54 Jahren bestehende Praxis auf, bei neuen Regelungen öffentliche Stellungnahmen einzuholen. Zudem entließ Kennedy unliebsame Berater und Experten.

Unter seiner Führung stoppten die National Institutes of Health (NIH) Programme zur Erforschung gesundheitlicher Auswirkungen von Luftverschmutzung, ein Bericht zu alkoholassoziierten Krebsrisiken wurde zurückgehalten und die Food and Drug Administration (FDA) zog Warnhinweise zu Produkten wie Rohmilch oder Chlordioxid zurück, die fälschlich als Autismus-Therapien vermarktet werden. Änderungen an CDC-Empfehlungen zur Impfpolitik führten dazu, dass 26 Bundesstaaten offizielle Impfempfehlungen nicht mehr befolgen – dies in einer Phase, in der das US‑Impfregime ohnehin unter Druck steht.

Besonders scharf kritisiert das Editorial die Vergabe eines nicht ausgeschriebenen Zuschusses über 1,6 Millionen US-Dollar (1,36 Millionen Euro) für eine unterdessen pausierte Impfstudie in Guinea-Bissau. Das Studiendesign war so angelegt, dass Tausende ungeimpfte Kinder einer Hepatitis-B-Exposition ausgesetzt worden wären.

Fatale Verschiebung von Prioritäten

Vor diesem Hintergrund diagnostiziert das Editorial eine fatale Verschiebung von Prioritäten. Innovative Forschungsfelder wurden von der Finanzierung abgeschnitten, während »junk science« und randständige Überzeugungen ohne nachvollziehbare Begründung aufgewertet wurden.

Die Politisierung von NIH, FDA und CDC gefährde die Zukunft der US‑Forschungslandschaft und schwäche den öffentlichen Gesundheitsdienst. Verschärft werde dies auch durch den Abbau föderaler Datenerhebungs‑ und Meldesysteme, sodass zahlreiche Datensätze zu Themen wie Überdosissterblichkeit, Müttersterblichkeit oder Ernährungssicherheit nicht mehr öffentlich zugänglich sind. Dies beeinträchtige die Reaktionsfähigkeit der USA und ihrer internationalen Partner auf neue Krisen erheblich.

Die Gefährdung ist für die Autoren des Editorials keineswegs theoretisch, sondern bereits sichtbar. Dies zeige sich beispielweise in einem ersten dokumentierten menschlichen H5N5‑Fall mit Todesfolge in US-Bundesstaat Washington im November 2025, in der anhaltenden Ausbreitung von Pertussis mit 13 Todesfällen im Jahr 2025 sowie in einem großflächigen Masernausbruch seit Anfang 2025, der den Eliminationsstatus der USA und Mexikos infrage stellt.

Kennedy setze weiter auf Desinformation und eine Zuspitzung politischer Konfliktlinien. Angesichts Tausender öffentlicher Rücktrittsforderungen sieht der Beitrag den Kongress in der Pflicht, seine Aufsichtsfunktion wahrzunehmen und Kennedy zur Rechenschaft zu ziehen. Andernfalls mache man sich mitschuldig an der Entscheidung von Präsident Trump, diesen Mann im Gesundheitsbereich frei walten zu lassen.

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