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Angststörungen

Ein Gefühl verselbstständigt sich

Überängstlich und unterschlafen

Wie kommt dieser Zusammenhang zustande? Hierzu zitierte die Referentin eine Studie, die kürzlich im Fachjournal »Nature Human Behaviour« unter dem bezeichnenden Titel »Overanxious and underslept« erschien, was man frei mit »überängstlich und unterschlafen« übersetzen könnte (DOI: 10.1038/s41562-019-0754-8). Darin wurden gesunde Probanden in zwei Gruppen aufgeteilt, von denen die eine ungestört schlafen durfte, während die andere nachts ständig gestört wurde. Am Morgen danach wurden den Teilnehmern Bilder ängstlicher Gesichter gezeigt. »Darauf reagierten diejenigen, die schlecht geschlafen hatten, mit signifikant höheren Angstwerten«, berichtete Domschke. Am Abend zuvor sei dagegen kein Unterschied zwischen den Gruppen vorhanden gewesen.

Im funktionalen MRT des Gehirns zeigte sich eine deutlich erhöhte Reaktivität der Amygdala auf die angstbesetzten Reize bei den unausgeschlafenen Probanden. Die Amygdala, die zum limbischen System gehört, gilt als zentrales Hirnareal für die Verarbeitung von Angst. »Das bedeutet: Schlaf ist erforderlich, damit sich unsere Amygdala erholen kann«, folgerte Domschke.

Diese Erkenntnisse haben aus ihrer Sicht Konsequenzen sowohl für die Psycho- als auch die Pharmakotherapie. So könne Schlaf nach einer negativen Erfahrung dazu beitragen, dass Angstpatienten mit den negativen Gedächtnisinhalten besser zurechtkommen. Das gelte auch für die Expositions- oder auch Konfrontationstherapie, bei der sich der Patient in Begleitung seines Therapeuten den ihn ängstigenden Situationen aussetzt. »Eine kurze Schlafphase nach der Exposition kann durchaus sinnvoll sein«, sagte Domschke.

Um die positiven Effekte des Schlafs auch unter Pharmakotherapie nutzen zu können, sollten Wirkstoffe eingesetzt werden, die die Schlafarchitektur, insbesondere den REM-Schlaf, möglichst wenig stören. Am ehesten geeignet seien unter dieser Prämisse Mirtazapin, Trazodon und Trimipramin. Studien, die eine Überlegenheit gezeigt hätten, kenne sie jedoch keine, schränkte Domschke ein.

In der Leitlinie werden diese Wirkstoffe nicht genannt, sondern stattdessen Citalopram, Duloxetin, Escitalopram, Paroxetin, Pregabalin, Sertralin und Venlafaxin sowie als zweite Wahl Buspiron, Clomipramin, Moclobemid und Opipramol, wobei es leichte Unterschiede zwischen den verschiedenen Angststörungen gibt. Psychotherapie, in erster Linie kognitive Verhaltenstherapie (KVT), und Pharmakotherapie stuft die Leitlinie bei Panikstörung, GAS und sozialer Phobie als gleichwertige Alternativen ein. Bei spezifischer Phobie wird dagegen ausschließlich eine KVT/Expositionstherapie empfohlen.

Unabhängig vom Wirkstoff sei es wichtig, eine niedrige Einstiegsdosis zu wählen und die Dosis nur sehr langsam zu steigern, so Domschke. Der Grund sei das sogenannte Jitteriness-Syndrom, eine Verstärkung der Angst in den ersten zwei Wochen der Therapie, das auftreten könne, aber nicht müsse. Nach ungefähr zwei Wochen flache die Erregungskurve wieder ab, die Angst werde weniger und bleibe dann auf einem niedrigeren Niveau. Die Anfangsschwierigkeiten mit Benzodiazepinen zu überbrücken, sei verlockend, denn »Benzodiazepine schalten innerhalb von 15 Minuten die Angst aus«. Beim Absetzen dieser Medikamente komme es aber zu einem Rebound-Effekt: Die Angst komme rasch wieder und halte sich dann zumeist fast auf dem Ausgangsniveau.

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