| Alexandra Amanatidou |
| 22.06.2026 07:00 Uhr |
In seinem Buch zeichnet Apotheker Mohammed Radman seinen Weg vom jemenitischen Dorf bis zur eigenen Apotheke in Leipzig. / © privat
Es ist nicht wichtig, wo man herkommt, sondern was man auf seinem Weg erlebt und erreicht hat. Diese Erkenntnis kommt unweigerlich auf, wenn man die circa 220 Seiten der Autobiografie des 62-jährigen Apothekers »Nicht woher, sondern wohin« durchblättert.
Tatsächlich machen die Menschen, die man auf seinem Weg trifft, einen riesigen Unterschied. Ein Professor, der einen unterstützt und fördert, kann eine ebenso entscheidende Rolle beim Werdegang eines Menschen spielen wie ein unangenehmer Mitbewohner, der rassistische Beleidigungen äußert.
Das Buch beschreibt nicht nur die Realität von Immigrantinnen und Immigranten in Deutschland. Thematisiert werden auch Heimweh und der Duft von frisch gebackenem Fladenbrot, an den sich Radman auch nach Jahren in Deutschland noch erinnert.
Radman stammt aus einem kleinen Dorf im Jemen und ist der Erste in seiner Familie, der ein Studium absolviert hat. In seinem Buch erinnert er sich an die harte Realität vieler Frauen in seiner Heimat und an die konservative, patriarchalisch geprägte Gesellschaft, in der er aufgewachsen ist. Auch Armut und der Bürgerkrieg zwischen dem Norden und dem Süden des Landes prägten die Kindheit und Jugendzeit des Apothekers.
Doch sein Leben änderte sich, als er ein Stipendium für Pharmazie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg erhielt. Unter anderem mittels Anekdoten erhalten die Leserinnen und Leser einen Einblick in die Realität der DDR und das Leben als Immigrant dort. Denn der Studienstart ist für viele eine Herausforderung. Für Menschen, deren Muttersprache eine andere ist, können sich jedoch noch mehr Hürden ergeben. So auch für den Apotheker, der seine erste Vorlesung in Analytischer Chemie als eine »intellektuelle Demütigung« bezeichnet.
Radman berichtet jedoch auch über die Unterschiede zwischen Apotheken in Deutschland und im Jemen. In Deutschland bedeute der Begriff »Apotheke« Laborarbeit, Verantwortung und exakte Dokumentation. Im Jemen hingegen seien Apotheken oft nichts weiter als ein Verkaufsraum.
In seiner Erzählung dürfen aber auch die heutigen Schwierigkeiten der Apotheken in Deutschland nicht fehlen. »Wir sind Experten für Medikamente, aber gegen diese bürokratischen Hürden stehen wir machtlos da«, schreibt Radman etwa in seinem Buch. Für den Apotheker gibt es aber auch schöne Momente in der Offizin, zum Beispiel den Umgang mit den Patientinnen und Patienten. So erinnert er sich im Buch an seinen ersten Kunden, der dann zum Stammkunden wurde. »Eine Apotheke ist ein Vertrauensgeschäft« und dieses Vertrauen müsse man sich erarbeiten.
Radman hat das Buch nicht geschrieben, um Geld zu verdienen, sondern »damit die Menschen verstehen, was Immigranten begegnet«, sagt der Apotheker gegenüber der PZ am Telefon. Den Menschen in Deutschland sei es nicht bewusst, wie schwierig es ist anzukommen. »Es gibt viele Hürden, die man überwinden muss.« Mit seinem Buch will er eine Erfolgsgeschichte erzählen und damit gegen die negative Darstellung von Immigrantinnen und Immigranten in den deutschen Medien angehen. »Viele geben sich unglaublich viel Mühe und passen sich auch an. Das sind Millionen.«
Radmans Erfahrungen sind kein Einzelfall. Tatsächlich häufen sich Rassismus und Diskriminierungserfahrungen in Deutschland, wie Daten des Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP) im März zeigten. Demnach haben mehr als 13 Prozent der Menschen in Deutschland angegeben, in den letzten zwölf Monaten Diskriminierung erfahren zu haben. Auch der Jahresbericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt, dass die Zahl der Beratungsanfragen im vergangenen Jahr enorm gestiegen ist. Mit 43 Prozent waren Anfragen zu rassistischer Diskriminierung am häufigsten.
Der Apotheker sieht sich mit komischen Blicken und Misstrauen konfrontiert. »Man erkennt nicht direkt, dass ich ein integrierter Arbeitgeber bin. Ich werde wie ein Fremder behandelt«, sagt er. »Aber die Menschen, die mich in der Apotheke kennengelernt haben, schätzen mich, und ich schätze sie auch. Ich fühle mich wohl in Leipzig.« Radmann bewertet die Stadt als migrantenfreundlich und offen.
Auch in seiner Autobiografie wird deutlich, dass er sich hierzulande wohlfühlt. Für ihn ist Deutschland »ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten«. Zwar gab es während seiner Studienzeit Schwierigkeiten, besonders was die Sprache anging, doch mit der Hilfe vertrauter Personen hat er alles bewältigt und ist heute ein selbstständiger Apotheker.
»Nicht woher, sondern wohin«, ist im März dieses Jahres im Verlag Novum erschienen.