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Elektronische Patientenakte

E wie E-Health, E wie Estland

Während man in Deutschland noch heiß diskutiert, sind viele elektronische Gesundheitsdienstleistungen in Estland schon längst Alltag. Das E-Rezept gilt als Erfolgsgeschichte. Einen praktischen Einblick, wie die E-Patientenakte dort funktioniert, gab es beim E-Health Day in Hamburg..
Daniela Hüttemann
24.09.2019
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Laut der Smart-Health-Studie der Bertelsmann Stiftung vom November 2018 ist Estland Spitzenreiter im Bereich Digital Health. »E-Rezept, elektronische Patientenakten und ein nationales Gesundheitsportal gehören längst zum Alltag der estnischen Bevölkerung«, resümiert die Bertelsmann Stiftung.

Den Zerfall der Sowjetunion Anfang der 1990er-Jahre habe Estland für einen digitalen Neuanfang genutzt, erklärte Mari Aru, Wirtschafts- und Handelsdiplomatin von der Botschaft der Republik Estland in Berlin. Jeder Bürger bekam eine elektronische Identität. Zunächst wurde damit das Steuersystem digitalisiert, Anfang der 2000er-Jahre folgten die ersten Leistungen im Gesundheitssystem.

»Mittlerweile können wir 99 Prozent der staatlichen Dienstleistungen elektronisch abwickeln«, berichtet Aru. Eine Voraussetzung war demnach, dass Estland in den Ausbau des Internets investiert hat, auch in Schulen. »Wir haben uns gefragt, wie wir die 1,3 Millionen Einwohner in unserem dünn besiedelten Land am besten erreichen können. Hinzu kam, dass die Esten schon immer sehr pragmatisch waren und Vertrauen in den Staat haben – das ist im Bereich der Gesundheit besonders wichtig.«

Elektronische Identität für alle Bürger

»Digitalisierung war bei uns nicht das Ziel, sondern das Mittel zum Zweck, zum Beispiel um dadurch Geld zu sparen, dass fast alles online erledigt werden kann statt in kleinen behördlichen Außenposten, die Unterhalt kosten«, so Aru. Ihren Angaben zufolge spart der Staat jährlich rund 2 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts.

Grundvoraussetzung ist die elektronische Identität, die für alle estnischen Bürger verpflichtend ist. Sie erhalten eine entsprechende ID-Karte sowie zwei Geheimzahlen: eine für die Identifizierung, eine für elektronische Unterschriften. Fast jeder dritte Bürger nutzt mittlerweile eine Smart-ID über sein Handy.

Rückgrat des Modells ist das Datenaustauschsystem X-Road. »Dabei handelt es sich nicht um einen Zentralserver, sondern jede Behörde, Praxis oder Krankenhaus behält ihre eigene Datenbank«, erklärt Aru.

Über X-Road können die Daten ausgetauscht werden. »Es ist streng geregelt, wer was speichern und worauf er zugreifen darf«, versichert die Diplomatin. Ein Missbrauch wird streng geahndet. Mittlerweile seien 651 Institutionen und Unternehmen sowie 504 Institutionen des öffentlichen Sektors angebunden, die 2691 unterschiedliche Dienstleistungen anbieten. Gesichert ist das Ganze über die sogenannte Blockchain-Technologie.

Erfolgsgeschichte 

Im Gesundheitsbereich gebe es drei große Bereiche: die E-Patientenakte, das E-Rezept und die E-Ambulance-Station. Letztere ermöglicht, dass in einem medizinischen Notfall über die immer mitgeführte ID-Karte wichtige medizinische Informationen schon auf dem Weg ins Krankenhaus abgerufen werden können, zum Beispiel Angaben zu Blutgruppe, Allergien und Vorerkrankungen des Patienten.

»Das E-Rezept gibt es in Estland bereits seit 2010, und es ist eine echte Erfolgsgeschichte«, sagt Aru. Monatlich werden in dem baltischen Staat fast 800.000 E-Rezepte ausgestellt. Dabei bleibe die freie Apothekenwahl garantiert. Zudem sei ein automatischer Interaktionscheck zwischengeschaltet. Folgerezepte dürfen Apotheker ohne erneuten Arztbesuch ausstellen.

Der Patient selbst kann sein E-Rezept über seine elektronische Akte einsehen, die 2008 eingeführt wurde. Per App oder Browser loggen sich die Esten dafür mit ihrer ID und Mobilnummer ein. Das System schickt einen Verifikationscode an das Smartphone und der Patient gibt sein Passwort ein. Dort kann beispielsweise jeder Bürger hinterlegen, ob er sich zur Organspende bereit erklärt. Er kann seine letzten Arztbesuche inklusive Befunde einsehen, dazu Blutwerte oder Röntgenaufnahmen. Zudem kann er überprüfen, was die einzelnen Leistungserbringer abgerechnet haben.

Jeder Patient kann festlegen, was welcher Arzt zu sehen bekommt, wenn er auf die Akte zugreift. Diese Einschränkungsfunktion wird jedoch laut Aru kaum genutzt. Zugriff haben nur lizensierte Fachkräfte. Zudem lässt sich überprüfen, wer die eigenen Daten eingesehen hat. Allein dies schütze schon vor Missbrauch, denn falls sich jemand ohne Grund einloggt, kommt es zur Strafverfolgung bis hin zum Verlust der ärztlichen Zulassung.

Estnische Programmierer am Werk

Haben die Esten keine Angst, dass große internationale Firmen an sensible Daten kommen? Nein, meint Aru, denn erstens werde viel Wert auf Sicherheit gelegt und zweitens seien E-Akte und E-Rezept von estnischen Programmierern entwickelt worden. Microsoft und Co. seien damals einfach zu teuer gewesen und es habe sich bezahlt gemacht, dass der Staat in den 1990er-Jahren in den IT-Unterricht in Schulen investiert habe.

Die Esten basteln weiter an ihrer E-Akte. Demnächst sollen die Bürger selbst gesammelte Daten, zum Beispiel von Fitnessuhren, einpflegen können. Schon jetzt gibt es einen grenzüberschreitenden E-Rezept-Austausch mit Finnland. Die Esten hoffen, die ID-Karte irgendwann EU-weit einsetzen zu können.

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