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Droht dem E-Rezept ein EGK-Debakel?

Bis Ende Juni 2021 muss die Gematik die für das E-Rezept benötigten Komponenten zur Verfügung stellen. Dass die neue, digitale Verordnungsstruktur schon ab dem 1. Juli funktioniert, wird aber immer unwahrscheinlicher. Wie Recherchen der PZ zeigen, liegt dies insbesondere an einem komplizierten Identifizierungsverfahren, mit dem sich die Versicherten gegenüber der staatlichen E-Rezept-App identifizieren sollen.
Benjamin Rohrer
26.03.2021  18:00 Uhr

Während der Coronavirus-Pandemie scheint ein für den Apothekenmarkt immens wichtiges Thema derzeit unterzugehen: die flächendeckende Einführung des E-Rezepts. Laut Gesetz ist vorgesehen, dass die Gematik Ende Juni dieses Jahres alle technisch notwendigen Bestandteile der neuen Verordnungsstruktur zur Verfügung stellen muss, sodass rein theoretisch ab dem 1. Juli bereits digital verordnet werden kann. Konkret heißt das, dass Ärzte keine Muster-16-Papierrezepte mehr ausstellen, sondern einen QR-Code erzeugen, der wiederum auf das E-Rezept verweist, das auf einem zentralen Server liegt. Diese Codes können die Patienten entweder ausgedruckt oder digital per Handy-App in die Apotheke ihrer Wahl bringen, um dort beliefert zu werden. Ab dem 1. Januar 2022 zündet dann die nächste E-Rezept-Stufe: Denn ab dem kommenden Jahr müssen laut Gesetz alle Verordnungen über dieses digitale System abgewickelt werden. Das »alte«, rosa Papierrezept soll dann nicht mehr zur Anwendung kommen.

So sieht der Plan zumindest in der Theorie aus. Denn in der Praxis gibt es noch mehrere Hürden, die genommen werden müssen, damit ab dem 1. Juli überhaupt ein E-Rezept wirklich digital abgewickelt werden kann. Denn insbesondere bei der Nutzung der staatlichen Handy-App der Gematik gibt es derzeit noch mehrere offene Baustellen. Zur Erinnerung: Laut Gesetz sollen alle digitalen Verordnungen zunächst in die Gematik-App laufen. Von dort aus kann der Patient die QR-Codes auch anderen Anbietern zuweisen. Voraussetzung Nummer eins für eine Nutzung des gesamten E-Rezept-Systems ist natürlich, dass die von der Gematik beauftragte IBM Deutschland (unter Mithilfe der Zur Rose-Tochter E-Health-Tec) ihren Auftrag fertigstellt und den Fachdienst, also den E-Rezept-Server, pünktlich bereitstellt. Eine weitere wichtige Voraussetzung zur digitalen Anwendung der E-Rezepte ist aber, dass die Patienten auch technisch in die Lage versetzt werden, die E-Rezept-App zu nutzen. Und genau daran könnte das gesamte Vorhaben scheitern.

NFC-Technologie erschwert Identifizierung

Denn derzeit ist geplant, dass sich die Patienten mit der sogenannten NFC-Technologie gegenüber der E-Rezept-App der Gematik identifizieren. Zur Erklärung: »NFC« steht für »near field communication«. Dabei tragen die Smartphones einen Erkennungschip, der beispielsweise durch das Auflegen einer NFC-fähigen Karte aktiviert wird. Geplant ist also, dass die Versicherten ihre NFC-fähige elektronische Gesundheitskarte (EGK) kurz an ihr Handy halten und sich somit sicher und datenschutzkonform identifizieren. Denn: Nur wenn man in der App sicher identifiziert ist, kann man auch die QR-Codes vom E-Rezept-Server abrufen und an die Apotheke der Wahl weiterleiten.

Wie die PZ bereits berichtete, ist dieses Verfahren aber bei Weitem nicht flächendeckend möglich in Deutschland. Experten schätzen, dass nur rund 8 Prozent der GKV-Versicherten eine solche NFC-fähige EGK haben. Hinzu kommt, dass die Nutzung der NFC-Funktion auf einer solchen Gesundheitskarte noch kompliziert freigeschaltet werden muss. Dazu müssen die Versicherten eine PIN-Nummer bei ihrer Krankenkasse beantragen. Die Kassen geben diese PINs in vielen Fällen allerdings nicht per Post aus, sondern bitten die Versicherten zur Authentifizierung in eine Kassenfiliale – diese haben allerdings derzeit aufgrund der Pandemielage meistens geschlossen.

Somit ist klar, dass die derzeit verfolgte Identifizierungstechnologie des E-Rezepts erstens nur einem kleinen Teil aller Versicherten zur Verfügung steht und zweitens viel zu kompliziert ausgestaltet ist. Die Folge daraus ist ebenso klar: Zumindest zum Start des E-Rezepts dürften die QR-Codes fast ausschließlich ausgedruckt werden. Die PZ hatte erst kürzlich über das Aussehen des neuen Rezept-Ausdrucks berichtet.

Gematik: Staatliche App auch im Demo-Modus verfügbar

Auf Nachfrage der PZ zu diesem Thema verweist die Gematik darauf, dass sie die Technologien laut Gesetz mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik abstimmen musste. Und weiter: »Als einzige verfügbare technische Lösung der Krankenkassen für diese Anforderung existiert derzeit die EGK.« Die Gematik-Sprecherin verwies zudem darauf, dass die Kassen verpflichtet sind, alle Gesundheitskarten, die nach dem 30. November 2019 ausgegeben wurden, mit der NFC-Technologie auszustatten. Auf Nachfragen des Versicherten müssten die Kassen die Karten auch austeilen. Zudem sei es möglich, die Gematik-App auch ohne NFC-Identifizierung zu nutzen – allerdings nur mit limitierten Funktionen. Auch ohne Identifizierung könnten die Nutzer in der App beispielsweise Erläuterungen zum E-Rezept und den »Demo-Modus« kennenlernen.

Die Gematik erinnert außerdem an die derzeitigen Diskussionen im Bundestag: Denn der Gesetzgeber diskutiert über ein Gesetz, das die Kassen verpflichten könnte, ihren Versicherten bis 2023 eine »sichere digitale Identität« zur Verfügung zu stellen. Auf die Frage der PZ, welche Alternativen zur NFC-Technologie derzeit verfolgt werden, antwortete die Sprecherin lediglich, dass man gesetzlich dazu verpflichtet sei, bis zum 1. April dieses Jahres das Identifizierungsverfahren festzulegen.

DAV: Lieber zunächst nur regional ausrollen

Die PZ hat auch beim Deutschen Apothekerverband (DAV) nachgefragt – schließlich ist der DAV als Gesellschafter in der Gesellschafterversammlung vertreten und somit auch an der Einführung des E-Rezepts beteiligt. IT-Experte Sören Friedrich sieht derzeit wenig Chancen, dass die NFC-fähigen Karten bis zum Sommer so verteilt werden, dass die Gematik-App flächendeckend genutzt werden kann: »Grundsätzlich liegt die Ausstattung der Versicherten mit NFC-fähigen EGK bei den Krankenkassen. Dass die Kassen die Verteilungsquote dieser Karten von derzeit etwa 10 Prozent noch bedeutend bis zum 1. Juli steigern werden, halte ich für unwahrscheinlich, da bei vielen Kassen das Identifizierungsverfahren mit einem Besuch in einer Krankenkassenfiliale verbunden ist. Und die Filialen sind pandemiebedingt derzeit größtenteils geschlossen.«

ABDA-Experte Friedrich weist auch darauf hin, dass ein großer Teil der Bevölkerungsgruppe über 70 Jahre eingeschränkt oder gar nicht über ein NFC-fähiges Smartphone verfügt. »Deswegen kann ich es mir technologisch und auch rein praktisch nicht vorstellen, dass wir ab dem 1. Juli bereits eine flächendeckende Anwendung von E-Rezepten via Handy-App haben werden.« Als Alternative sei laut Friedrich mehrfach darüber diskutiert worden, dass die Apotheker in der Offizin ein Ident-Verfahren durchführen könnten. Allerdings: »Für ein mögliches Ident-Verfahren in der Apotheke fehlt schlichtweg die rechtliche Legitimierung. Auch wenn die Apotheken eine Möglichkeit anbieten könnten, wäre das Angebot nicht kostenfrei, denn der Aufwand bei solchen Ident-Verfahren ist nicht gering. Private Anbieter machen das auch nicht umsonst.«

Und so kommt der IT-Experte zu dem Schluss, dass die Einführung des E-Rezepts zunächst auf regionaler Ebene durchgezogen werden sollte. »Aus unserer Sicht wäre es besser, die rein digitale Abwicklung des E-Rezepts zunächst in einer abgegrenzten Modellregion einzuführen, um das Verfahren nach einem bestimmten Zeitraum auf das Bundesgebiet auszurollen. Im E-Rezept-Pilotprojekt des DAV in Berlin-Brandenburg zeigen wir derzeit auch, dass sich ein solches, begrenztes Projekt viel besser evaluieren lässt. Eine schrittweise Einführung hätte auch den Vorteil, dass man aus möglichen Fehlern während dieser ersten Phase noch lernen kann, bevor man das E-Rezept bundesweit ausrollt.«

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