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Zulassungsempfehlung

Drei neue Medikamente bei seltenen Erkrankungen in Sicht

Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) hat für drei Präparate gegen seltene genetische Erkrankungen eine Zulassungsempfehlung ausgesprochen.
Laura Rudolph
24.05.2022  09:00 Uhr
Drei neue Medikamente bei seltenen Erkrankungen in Sicht

Eine Empfehlung für eine Zulassung unter außergewöhnlichen Umständen sprach die EMA für Lonafarnib (Zokinvy®) aus. Dabei handelt es sich um einen Enzyminhibitor für Patienten mit bestimmten Unterformen der Progerie, eine sehr seltene genetisch bedingte Erkrankung, bei der die betroffenen Kinder wie im Zeitraffer altern. Eine Zulassung unter außergewöhnlichen Umständen bedeutet, dass diese unter bestimmten Auflagen erfolgen kann, die jährlich zu prüfen sind. Dies kommt etwa zum Tragen, wenn der Antragsteller aufgrund extrem seltener Erkrankungen keine umfassenden Studiendaten liefern kann.

Das Präparat in Kapselform ist indiziert für Menschen ab zwölf Monaten mit Hutchinson-Gilford-Progerie-Syndrom oder progeroiden Laminopathien. Lonafarnib ist ein spezifischer Inhibitor des Enzyms Farnesyltransferase. Der Wirkstoff hemmt die Bildung des defekten Proteins Progerin, welches zu einer vorzeitigen Alterung der Betroffenen führt. Progerie-Patienten sterben bislang mit durchschnittlich 14,5 Jahren an schweren kardiovaskulären Komplikationen.

Die EMA bezog sich bei ihrer Empfehlung auf zwei Kohortenstudien, die einen Überlebensvorteil für Zokinvy nahelegten: Mit Lonafarnib behandelte Patienten überlebten durchschnittlich ein halbes Jahr länger.

Gentherapie bei AADC-Mangel

Eine weitere Zulassungsempfehlung unter außergewöhnlichen Umständen erteilte die EMA dem Gentherapeutikum Upstaza®. Dieses enthält den Wirkstoff Eladocagen exuparvovec und ist indiziert für Kinder und Erwachsene mit einem Mangel des Enzyms aromatische L-Aminosäure-Decarboxylase (AADC). Dieser Mangel resultiert aus Mutationen im AADC-Gen und führt durch Störungen des Neurotransmitter-Stoffwechsels zu Entwicklungsverzögerungen, schwachem Muskeltonus und fehlender Kontrolle über Bewegungen der Gliedmaßen.

Upstaza enthält ein modifiziertes Virus (einen adeno-assoziierten viralen Vektor), das eine funktionierende Version dieses Gens enthält. Das Medikament soll nach Infusion ins Gehirn das AADC-Gen in Nervenzellen einschleusen und diese wieder in die Lage versetzen, das Enzym selbst herzustellen. Ihre Empfehlung sprach die EMA aufgrund dreier Studien mit Kindern aus, die zeigten, dass Upstaza die Kontrolle des Kopfes und die Fähigkeit, ohne fremde Hilfe zu sitzen, verbessern könnte.

Derzeit gibt es keine zugelassenen Therapien für die Behandlung des AADC-Mangels, von dem nach jüngsten Schätzungen 1 von 118.000 Menschen in der EU betroffen sind, wie die EMA in einer Pressemitteilung mitteilte.

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