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Virologe Drosten

Die zweite Welle muss nicht kommen

Hieraus lasse sich eine essenziell wichtige Konsequenz für das weitere Vorgehen zur Eindämmung der Epidemie ableiten. »Wir müssen dazu übergehen, uns bei jedem entdeckten Fall die Umgebung anzuschauen und alle Personen, mit denen er in den letzten zwei bis drei Tagen Kontakt hatte, als infiziert betrachten und sofort isolieren.« Die Entscheidung zur Isolierung müsse sofort getroffen werden ohne Ansicht des Diagnostik-Ergebnisses. »Wir müssen unsere Strategie ändern. Vor allem wenn wir, wie in Schulen und Kitas, bei einem entdeckten Fall immer ein Clusterrisiko haben«, mahnte Drosten.

Anlass zum Pessimismus gäben diese neuen Erkenntnisse jedoch nicht – im Gegenteil. Denn trotz der jetzt nach und nach erfolgten Lockerungen der Lockdown-Maßnahmen blieben Situationen, die Gelegenheit für ein SSE böten, verboten. Bei dem, was erlaubt sei, werde man sicher noch nachbessern müssen. Dennoch zeigte sich der Experte optimistisch: »Ich glaube so langsam, wenn ich mir das vergegenwärtige, dass wir sogar eine Chance hätten, ohne Impfung mit dieser generellen Steuerung von Maßnahmen glimpflich in den Herbst und in den Winter zu kommen. Sprich ohne eine tödliche zweite Welle.« Die Chance sei da, aber man müsse genau hinschauen und die jetzigen Maßnahmen nachadjustieren, um gezielt superspreading Events zu verhindern.

Sein Optimismus rühre daher, dass es ein Präzedenzbeispiel dafür gebe, dass diese Strategie funktioniere: Japan. Der dortige Chefepidemiologe habe seine Feuertaufe während der SARS-Epidemie erlebt und verinnerlicht, dass die sofortige Isolierung von Kontaktpersonen eines Falls die Epidemie beendet habe. In Japan werde daher auch jetzt die Diagnostik gezielt eingesetzt zum Erkennen von Clustern. Alle Mitglieder eines solchen Clusters würden sofort als infiziert definiert und isoliert. »Das ist der Kern der japanischen Strategie und wir sehen den Erfolg.«

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