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Heilpflanzen

Die Wüste zum Grünen bringen

Mit biodynamischen Methoden hat »Sekem« in Ägypten auf nichts als Sand blühende Agrarflächen geschaffen, auf denen auch Würz- und Heilpflanzen für den deutschen Markt wachsen. Weil aber am Ur-Standort bei Kairo die Umweltbelastung stark gestiegen ist, baut das Unternehmen in der Westlichen Wüste eine neue Farm auf.
Klaus Sieg
26.08.2019
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Majestätisch wachsen die Königskerzen mit ihren gelben Blüten in den blauen Himmel. Die Sonne ist gerade erst aufgegangen, noch ist es einigermaßen kühl. Gut für die Frauen und Männer, die durch die langen Reihen der mannshohen Pflanzen gehen und behutsam die Blüten pflücken, deren Tee vor allem gegen Husten, Reizhusten und Bronchitis hilft. Zurzeit kommen sie jeden Tag in den Morgenstunden auf dieses Feld, um nur die geöffneten Exemplare zu holen. Die geschlossenen bleiben an den Pflanzen. »So ernten wir die Blüten der Königskerze über einen Zeitraum von eineinhalb Monaten«, erklärt Angela Hofmann, die landwirt-schaftliche Leiterin der »Sekem«-Farm in Ägypten. »Wenn das Feld abgeerntet ist, pflanzen wir als Gründüngung Futterbohnen, um in der übernächsten Saison mit Calendula oder Kamille weiter zu machen – je nachdem, was nachgefragt wird.« Beliefert werden mit diesen Produkten auch Kunden in Deutschland, die mit den Pflanzen aus der ägyptischen Wüste Tees, Extrakte, Cremes und Salben herstellen.

Seit Anfang der 1980er-Jahre arbeitet Hofmann auf der von Ibrahim Abouleish gegründeten »Sekem«-Farm 60 Kilometer nordöstlich Kairos. »Als wir anfingen, gab es hier nichts als Sand«, erinnert sich die Sennerin und Landwirtin.

Calendula, Kamille und Kompost

Ägypten besteht zu 96 Prozent aus Wüste. Abouleish und seine Mitstreiter brachten sie mit biodynamischer Landwirtschaft zum Grünen. Heute wachsen auf der Stammfarm des Unternehmens neben Königskerze, Calendula und Kamille auch Majoran, Basilikum, Fenchel, Anis, Kümmel, Echinacea und Melisse, um nur die wichtigsten Würz- und Heilpflanzen zu nennen. Zudem gibt es Sesam, Weizen, Auberginen, Tomaten und vieles andere mehr.

»Wir bauen den Boden auf, anstatt ihn zu zerstören, wie es so häufig in der konventionellen Landwirtschaft geschieht«, erklärt Hofmann. Zwar sind die Erträge in der biodynamischen Landwirtschaft niedriger als in der konventionellen, und es muss viel Handarbeit geleistet werden. Dafür aber sind keine Ausgaben für künstlichen Dünger und chemische Schädlingsbekämpfung notwendig.

»Das Herz unserer Methode ist der Kompost.« Landwirtin Hofmann lässt den Blick über den Kompostplatz schweifen, zu dem sie uns mittlerweile geführt hat. Dunkle Wälle ziehen sich bis zu der Reihe Dattelpalmen am Rande des weiten Platzes. 60 Tonnen Kompost gären in jeder Reihe. Es dampft und duftet. »Den möchte man doch fast essen.« Taissir Saqr hält eine Handvoll an seine Nase. Hinter dem Kompostmeister zieht ein Traktor eine krachende Wende durch einen der Wälle.

Der Kompost darf nicht wärmer als 65 Grad werden, sonst sterben die Mikroorganismen. Deshalb wird er regelmäßig gewendet und gewässert. »Ich passe auf ihn auf, wie auf meine Kinder.« Taissir Saqr lacht. 8000 Tonnen Kompost entstehen so pro Jahr, aus dem Dung der eigenen 270 Kühe, der Schafherde sowie aus Pflanzen- und Küchenabfällen.

Aber wie genau lässt sich mit Kompost der kargen Wüste fruchtbares Ackerland abtrotzen? Als erstes pflanzten die Pioniere einen breiten Gürtel Bäume - vor allem dürreresistente Kasuarinen als Schattenspender und Schutz gegen den Wind. Dann bohrten sie Brunnen und brachten Schlamm, organische Abfälle und eben Kompost auf. Am Anfang werden dem Sandboden einmalig 40 bis 50 Tonnen Kompost pro Hektar beigemischt, dann jeweils rund 10 Tonnen pro Saison. Wichtig ist zudem der richtige Fruchtwechsel und es muss immer etwas auf den Feldern wachsen. »Sonst wäre hier schnell wieder WüsteHofmann nimmt eine Handvoll Erde auf, die auch von einem norddeutschen Acker stammen könnte. »Durch unsere Arbeit ist über die Jahre eine 30 Zentimeter dicke Humusschicht gewachsen.«

Allerdings funktioniert das nicht ohne künstliche Bewässerung. Früher wurden die Felder mit Wasser aus den Brunnen geflutet. Heute versorgt ein Leitungssystem die Sprinkler sowie eine effiziente Tröpfchen-Bewässerung. »So verbrauchen wir nur noch halb so viel Wasser«, erklärt Hofmann.

Mit diesen Methoden ist »Sekem« zum größten Kräutertee-Produzenten Ägyptens aufgestiegen. Mit seinem Sesam beliefert das Unternehmen landesweit Bäckereien und Produzenten der Süßspeise Halva sowie der würzigen Paste Tahin. Längst genügen nicht mehr die eigenen Äcker. Zertifizierte Vertragsbauern bebauen nach den »Sekem«-Methoden 3000 Hektar Land. Das Unternehmen exportiert nach Demeter-Richtlinie angebaute Kräuter, Gewürze, Tees und Arzneipflanzen nach Deutschland, ganz Europa und in die USA. Zudem betreibt es eine Fertigung für Kleidung aus Biobaumwolle von den eigenen Feldern, die ebenfalls exportiert wird.

Viel mehr als eine Bio-Farm

Jeden Tag betreten über 2000 Menschen die von Bougainvilleen und Hibiskus gesäumten Wege der Farm durch das Haupttor an der staubigen Landstraße, um zur Arbeit, zur Schule oder als Patienten in das Medical-Center zu gehen. Alleine über 60 Mitarbeiter sind in der eigenen Kräuter-Produktion beschäftigt, einem 1200 Quadratmeter großen Werk mit modernem Maschinenpark für die Reinigung, Sortierung und Trocknung.

In der Fabrik zur Herstellung von Teebeuteln arbeiten noch einmal 160 Menschen, sie produzieren 600 bis 700 Millionen Stück pro Jahr. Der überwiegende Teil aller Produkte wird in Ägypten verkauft. Der Export aber ist wichtig wegen der höheren Preise, die dort erzielt werden sowie als Antriebsfeder für die ständige Verbesserung der Qualität.

Alles das zusammen ermöglicht Arbeitsbedingungen, die nicht nur in Ägypten ihresgleichen suchen. Die Löhne sind verhältnismäßig hoch. Die Beschäftigten sind sozialversichert. Allen Mitarbeitern und ihren Familien stehen kostenfreie Bildungs- und Kulturangebote sowie medizinische Versorgung zur Verfügung, selbst während der Arbeitszeit. Auch die Schule der Farm, mit einer Mischung aus Waldorf- und staatlichen Inhalten sowie überschaubar großen Klassen, ist ein Leuchtturm in einem Land, in dem die Klassenstärke in der Regel 60 und mehr Schüler und Schülerinnen beträgt. Eine Universität für biodynamische Landwirtschaft befindet sich mit zurzeit 24 Studenten im Aufbau.

Bedrohte Oase

So ist auf dem Wüstensand bei Kairo viel mehr gewachsen, als eine biodynamische Farm. Doch die Oase ist bedroht. Aus der Wüste aus Sand der Umgebung der Anfangstage ist eine aus Beton geworden. Kairo wächst unaufhörlich. Und mit der Megametropole kommen die Schadstoffe: Auto- und Industrieabgase, Staube sowie Dioxine aus illegaler Müllverbrennung. Hinzu kommen Pestizide aus der konventionellen Landwirtschaft der Umgebung. »Bei unseren Blütenprodukten, wie der Königskerze oder der Kamille, sind wir an der Grenze angelangt.« Landwirtin Hofmann schüttelt den Kopf. »Wenn es keine Wende gibt, ist dieser Ort für die Bio-Landwirtschaft nicht mehr zu halten.« Das betrifft insbesondere alle Pflanzen mit ätherischen Ölen,  also die Würz- und Heilpflanzen.

Deshalb hat »Sekem« in einen 900 Hektar großen, neuen Standort investiert, hunderte Kilometer entfernt, mitten in der Westlichen Wüste Ägyptens, wo Luft und Boden noch unbelastet sind. Auf der langen Fahrt dorthin zeigt die Wüste sich in großer Farb- und Formenvielfalt. Dann tauchen dunkle Komposthaufen auf. Erst vor Kurzem wurden sie von Lastwagen gekippt, die sie von der Stammfarm hierher gebracht haben. Hinter den Haufen ragen lange Ungetüme aus Elektromotoren, Rädern, Rohren, Stangen und Düsen in den Abendhimmel, aus denen ein feiner Regen auf die kreisrunden Felder sprüht.

»Die Anschaffung der Kreisberegnung ist teuer, zumal wir die Pumpen dafür mit Solarenergie betreiben wollen«, erklärt Farmmanager Hany Hassanein. Sie hat aber entscheidende Vorteile gegenüber einer Tröpfchen-Bewässerung: Auf dem Boden liegt kein Leitungssystem, das bei der Bearbeitung der Felder stört und häufig defekt sind. Zwar ist der Wasserverbrauch höher. »Dafür erwirtschaften wir fast den doppelten Ertrag, weil wir durch die flächendeckende Bewässerung enger pflanzen können.«

Hinter Haanein gehen Männer durchs Feld und drücken Stecklinge von Minze in den feuchten Sand. Die genügsame und robuste Pflanze soll die ersten drei Jahre auf dem Feld wachsen. »Dann folgen für eine Saison stickstoffbindende Pflanzen, bis wir Medizinalpflanzen oder auch Gemüse pflanzen können.« Und wo ist der Kompost geblieben? Nur ein paar dunkle Kügelchen im gelben Sand zeugen von der Vorbereitung des Bodens. Trotzdem entfaltet er seine volle Wirkung. Unter anderem schützt der Kompost vor der Versalzung der Böden, die bei intensiver Bewässerung droht, weil ihre Mikroorganismen und Pilze die Salze abbauen.

Die Anfangsinvestitionen auf dieser neuen Farm sind sehr hoch. Mit Crowdfunding wirbt »Sekem« deshalb Geld ein. Zudem hilft die Unterstützung verschiedener Freundeskreise in Europa sowie einzelner Großspender. Die Hälfte des Landes ist bereits bebaut.

Auch die majestätische Königskerze mit ihren gelben Blüten wächst schon hier, tief in der Westlichen Wüste Ägyptens. Und in den Morgenstunden wird sie von Frauen und Männern behutsam geerntet. 

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