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Wider die Pest
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Die stete Suche nach dem rechten Mittel

Seuchen, gegen die es kein Heilmittel gibt, waren und sind Herausforderungen. In früheren Jahrhunderten wütete die Pest in Europa, heute ängstigt die Corona-Pandemie die Menschen. Pestilenz-Pillen gibt es heute nicht mehr, aber räumlicher Abstand und Quarantäne haben sich als wirksam erwiesen und durchgesetzt.
AutorKontaktClaudia Sachße und Marion Maria Ruisinger
Datum 28.12.2020  07:00 Uhr

Quarantäne und Kontumaz

Um das Eindringen von Krankheiten über die Landesgrenzen zu verhindern, wurden bereits im 14. Jahrhundert Quarantäne-Stationen (quaranta; italienisch: 40) eingerichtet; an den Küsten waren dies vorgelagerte Inseln. Zu den ersten zählten die Städte Ragusa (Dubrovnik) und Venedig mit der Insel Lazaretto vecchio. Auf dem Festland errichtete man sogenannte Pestcordons um einzelne Orte oder entlang der Landesgrenzen.

Berühmt wurde die »Militärgrenze« des Habsburgischen Reiches. Von der Adria bis an die Karpaten erstreckte sich im 18. Jahrhundert über fast 2000 Kilometer eine Sanitärgrenze gegen das Osmanische Reich, die die dort häufig auftretende Pest abhalten sollte.

In Sicht- und Rufweite gab es kleine Wachstationen, in größeren Abständen waren komplexe »Kontumaz«-Stationen errichtet mit Regiments- und Arztquartieren, Quarantäne-Stationen, Lazarett, Plätzen für die Behandlung der Waren sowie Stallungen und Gärten. Kontumaz war ein alternativer Begriff für Quarantäne im deutschsprachigen Raum (lateinisch contumacia: Trotz, Stolz, Eigensinn).

Alle Personen, die diese Grenze vom Balkan aus ins Habsburgische Reich passieren wollten – Diplomaten und Händler, Reisende oder Migranten –, aber auch alle Waren hatten eine Kontumaz-Spanne von mindestens 21 Tagen in Isolation zu verbringen, in Zeiten bekannter Pestfälle bis zu 84 Tage. Reisende aus seuchenfreien Gebieten oder solche, die die Quarantäne überstanden hatten, konnten sich durch behördliche Sanitätspässe ausweisen.

Kommunikation

Smartphone, Tablet und PC: Früher war die Kommunikation in Seuchenzeiten ungleich schwieriger als heute. Briefe und Nachrichten waren nicht nur langsamer unterwegs als heute, sondern auch an Datenträger aus Papier gebunden. Und diese konnten, so glaubte man, Krankheitsstoffe verbreiten, eben jene Contagien. Daher waren in Seuchenzeiten an den Landesgrenzen strenge Kontrollen üblich; alle ankommenden Güter wurden von den vielleicht anhaftenden Contagien gereinigt. Entsprechende Anordnungen finden sich in amtlichen Verordnungen vom 14. bis ins 19. Jahrhundert. Verdächtige Handelswaren sollten verräuchert, Wollwaren gewaschen werden.

Auch Briefe waren mit Rauch zu reinigen. Zur Wahrung des Briefgeheimnisses vor allem bei amtlichen Schreiben wurde die Post für das Verräuchern jedoch nicht einfach geöffnet, sondern oft mit Schlitzen versehen oder durchlocht. Dazu nutzte man dornenbesetzte Perforierzangen, sogenannte Rasteln (Abbildung 2). So gelangte der reinigende Rauch ins Innere der Umschläge und Pakete.

Zusätzlich zum Räuchern konnten Briefe und Papiere auch durch Essig gezogen und anschließend getrocknet werden. Zur Kenntlichmachung der Kontrollkette wurden die Schriftstücke mit speziellen Stempeln und Vermerken versehen (Abbildung 3 Komplettansicht und Detail).

Das Verräuchern der Post erfolgte in der Regel an einfachen Rastelstationen (Rastellen) oder an großen Grenzposten wie den Kontumaz-Stationen, wo es aufwendigere Räucheranlagen gab. Das Durchlöchern, das Räuchern und die Essigbehandlung machten wohl so manchem Empfänger das Lesen seiner Post schwer – wenn er nach Wochen oder Monaten seinen Brief endlich in Händen halten durfte.

Im 19. Jahrhundert hatte der private Briefverkehr bereits große Ausmaße erreicht. So sind zahlreiche gerastelte Briefe aus der Zeit der großen Cholera-Epidemie der Jahre 1831/32 erhalten. Diese »Desinfizierte Post« ist ein beliebtes Sammelgebiet unter Philatelisten.

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