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Lehre in Pandemie-Zeiten

Die Qualität darf nicht leiden

Die aktuelle Situation stellt auch die Ausbildung von Pharmazie-Studierenden und Pharmazeuten im Praktikum auf den Kopf. Im Zuge dessen forderte der Bundesverband der Pharmaziestudierenden in Deutschland (BPhD) schon mehrmals eine Anpassung der Approbationsordnung. Im Gespräch mit der PZ spricht der Beauftragte für Lehre und Studium des BPhD, Niklas Baltz, über Herausforderungen und potenzielle Lösungsansätze.
Michelle Haß
Carolin Lang
13.05.2020
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PZ: Vor welche Probleme stellt die aktuelle SARS-CoV-2 -Pandemie die Universitäten im Hinblick auf den Lehrbetrieb?

Baltz: Eine große Herausforderung stellen praktische Lehrveranstaltungen dar. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil des Pharmaziestudiums und laut Approbationsordnung vorgeschrieben. Einen normalen Laborbetrieb lässt die momentane Lage jedoch nicht zu. Bis vor kurzem waren Laborpraktika vollständig ausgesetzt. Die Hochschulen arbeiten gerade mit Hochdruck daran, den Laborbetrieb nach Lockerung der Maßnahmen und natürlich unter den entsprechenden Schutzvorkehrungen wieder starten zu können. Nach meinen Informationen hat die Friedrich-Schiller-Universität in Jena in der vergangenen Woche mit den ersten Praktika in Kleingruppen begonnen. Es wird wohl aber noch einige Wochen dauern, bevor es wieder überall losgehen kann.

PZ: Wie werden Vorlesungsveranstaltungen gehandhabt?

Baltz: Viele Universitäten weichen auf online-Vorlesungen aus. Anfänglich hat es mit der Umsetzung teilweise ein bisschen gehakt, aber zum Großteil läuft das inzwischen alles sehr gut. Von meinem Standort Kiel weiß ich beispielsweise, dass Studierende das Angebot gut annehmen und umfangreich nutzen.

PZ: Wie wirkt sich die momentane Lage auf das praktische Jahr (PJ) aus?

Baltz: Ein Problem stellt die Umstellung auf den Schichtbetrieb dar. Die Approbationsordnung schreibt vor, dass Pharmazeuten im Praktikum (PhiP) in Vollzeit arbeiten. In der öffentlichen Apotheke bedeutet das 40 Stunden pro Woche. Ich kenne Fälle, in denen PhiP die durch den Schichtbetrieb entstandenen Minusstunden nacharbeiten mussten. Bisher verträgt sich das noch alles mit den Meldefristen für das dritte Staatsexamen, aber natürlich schränkt das die Zeit zur Prüfungsvorbereitung ein. Die wesentliche Frage ist jetzt: Wie sieht das bei den PhiP aus, die im Mai gestartet sind und ihr praktisches Jahr noch vor sich haben?

PZ: Welche Probleme könnten auf diese Gruppe zukommen?

Baltz: So wie es aussieht, wird dieser Zustand noch einige Zeit andauern. Gesetz dem Fall, dass ein PhiP im Schichtbetrieb arbeiten und die Stundendifferenz nacharbeiten muss, würde das eine Verlängerung des PJ um 25 Prozent bedeuten; das hieße um bis zu drei Monate. Das könnte dazu führen, dass sich die PhiP erst später zum dritten Staatsexamen anmelden können. Wir hoffen jedoch, dass die Landesprüfungsämter darauf flexibel reagieren.

PZ: Der BPhD hat sich inzwischen in mehreren Stellungnahmen für eine Anpassung der Approbationsordnung für Apotheker ausgesprochen. Können Sie die Forderungen noch einmal zusammenfassen?

Baltz: Im Wesentlichen geht es darum die Probleme, welche die aktuelle Situation mit sich bringt, abzuwenden. Ein großes Thema ist dabei die Arbeitszeit während des praktischen Jahres. Ein möglicher Lösungsansatz wäre hier, die Arbeitszeit, die laut Approbationsordnung gefordert ist, um 25 Prozent zu reduzieren und die dadurch gewonnene Zeit vermehrt in die theoretische Ausbildung zu investieren. So könnte sichergestellt werden, dass das PJ auch unter Schichtbetrieb in der vorgesehenen Zeit absolviert werden kann. Studierende brauchen eine Möglichkeit den Umfang der Laborpraktika zu reduzieren und in Zusammenarbeit mit den Professoren Alternativen zu finden. Dafür muss jedoch die Approbationsordnung geändert werden, die den Umfang der theoretischen und praktischen Veranstaltungen genau festlegt. Bei der Famulatur haben wir ein ähnliches Problem wie im PJ. Auch hier fordern wir eine entsprechende Stundenreduktion.

PZ: Wie erklären Sie sich, dass die Forderung nach einer Flexibilisierung der Ausbildung für Apotheker in der Gesetzgebung bisher nicht berücksichtigt wird, für Ärzte und Zahnmediziner jedoch schon?

Baltz: Das haben wir uns auch schon gefragt. Diesbezüglich stehen wir auch mit der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände - ABDA im ständigen Austausch. Bisher haben wir jedoch keine passende Erklärung finden können.

PZ: Welche Folgen befürchten Sie, wenn eine Anpassung der Approbationsordnung ausbleibt?

Baltz: Wenn Scheine nicht ausgestellt werden können, weil Laborpraktika nicht stattfinden und auch keine entsprechenden Alternativen möglich sind, könnte es zu einem Rückstau der Studierenden kommen. Das stellt die Universitäten natürlich vor eine große Herausforderung, da die Semester größer werden, als es die Kapazitäten eigentlich zulassen. Im schlimmsten Fall kann es dann sein, dass Laborplätze begrenzt werden müssen und somit nicht mehr alle Studierenden einen Zugang zum praktischen Teil der pharmazeutischen Ausbildung haben. Langfristig wäre dann auch die Qualität der Lehre in Gefahr. Hier müssen wir gemeinsam mit den Professoren gute Alternativen entwickeln, um das Niveau der Lehre auf dem jetzigen Level halten zu können.

PZ: Denken Sie, dass eine Flexibilisierung der Approbationsordnung für Apotheker noch gesetzlich durchgesetzt wird?

Baltz: Ich halte die Chance tatsächlich für noch vorhanden und hoffe, dass der Gesetzgeber eine entsprechende Anpassung noch berücksichtigen wird. Ich denke aber auch, dass die Änderungen des Infektionsschutzgesetztes, die aktuell (Stand: 07.05.) diskutiert werden, die letzten sein werden, die wir vor der Sommerpause erwarten dürfen. Wenn eine Anpassung der pharmazeutischen Ausbildung darin nicht berücksichtigt sein wird, müssen wir andere Lösungen in Zusammenarbeit mit den Landesprüfungsämtern und den Professoren finden. Dann brauchen wir Regelungen, die ohne eine Änderung der Approbationsordnung umsetzbar sind und für alle Studierende gleichermaßen gelten.

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