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Myokine
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Die Muskel-Apotheke des Körpers

Myokine sind bestimmte Zytokine, die Muskeln bei Aktivität ausschütten. Ihr therapeutisches Potenzial wird gerade erforscht.
AutorKontaktNicole Schuster
Datum 15.02.2024  07:00 Uhr

Irisin »bräunt« weißes Fett

Möglicherweise kann Irisin außerdem beim Abnehmen helfen, da es weiße Fettzellen in braune umwandeln kann. Braunes Fettgewebe speichert kaum Energie, sondern erhält die Körpertemperatur unter Kältebedingungen aufrecht. Dazu verbrennen die in diesem Fettgewebe reichlich enthaltenen Mitochondrien Energie. Ein hoher Anteil an braunem Fettgewebe senkt das Risiko für Übergewicht, Diabetes und Herzkreislauferkrankungen. Irisin soll außerdem den Zucker- und Fettstoffwechsel sowie die Durchblutung des Herzens verbessern und vor Alzheimer schützen.

Das Myokin BDNF ist ebenfalls interessant, wenn es um die Entwicklung von neuen Arzneimitteln gegen neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson geht. Es sorgt dafür, dass Nervenzellen heranreifen, sich weiterentwickeln und neu bilden.

Einige Forschende setzen große Hoffnungen in die Muskelbotenstoffe. Sie können sich vorstellen, damit einmal bislang schwer therapiebare Krankheiten besser behandeln zu können. Von den positiven Wirkungen der Myokine profitieren Menschen bislang allerdings nur kurzfristig, da sie von der vorübergehenden Produktion bei sportlicher Aktivität abhängig sind.

Myokine nicht überdosieren

Aus Myokinen eine Art Sport-Arznei zu entwickeln, ist aus verschiedenen Gründen schwierig. So werden Eiweiße bei oraler Einnahme im Körper rasch abgebaut. BDNF überwindet nicht die Blut-Hirn-Schranke und gelangt somit nicht zu seinem Wirkort im Gehirn. Bei IL-6 ist die Dosierung unklar, da zu große Mengen inflammatorisch wirken und somit unerwünschte Effekte hervorrufen. Es muss auch besser erforscht werden, wie die einzelnen Myokine zusammenwirken und welcher Myokin-Cocktail jeweils am besten geeignet ist.

Bis es hierfür Lösungen gibt, bleibt Patienten wohl nur, auf natürliche Weise die Myokin-Spiegel in ihrem Körper zu erhöhen, indem sie sich körperlich anstrengen. Grundsätzlich wirkt jede Art der Bewegung dem Abbau von Muskulatur und dem Aufbau von Fettgewebe entgegen. Die Effekte können den Verlauf vieler Krankheiten positiv beeinflussen und daher stellt Bewegung schon längst bei vielen, vor allem chronischen Krankheiten eine Säule der Behandlung dar. Es sind jedoch noch mehr Erkenntnisse dazu erforderlich, welche Art der körperlichen Aktivität in welcher Intensität jeweils optimal ist.

Myokine werden nicht gleichermaßen bei jeder Sportart ausgeschüttet. Einige produziert der Körper verstärkt bei Krafttraining, andere eher bei Ausdauertraining. Bei schwerem Krafttraining beispielweise wird die Proteinsynthese besonders stark angeregt. Hierbei sind die Myokine Myostatin, Folstatin und Decorin involviert. Beim Kraftausdauertraining, also dem Bewegen von leichteren Gewichten mit vielen Wiederholungen, bilden sich vor allem BDNF, Irisin und IL-6. Zudem ist ein individuell unterschiedlicher Schwellenwert zu beachten. Wer es mit dem Sport übertreibt, kann in einen Übertrainingszustand geraten, der proinflammatorisch wirkt.

Myokine Funktionen
BAIBA, PGC-1α, Irisin Fettabbau, Vorbeugung des metabolischen Syndroms
IL-6, MIF Verbesserung des Glucosestoffwechsels, Diabetes-Prävention
PGC-1α, Irisin, BAIBA, IL-6 Wirkung auf die Gefäßwand, Atherosklerose-Prävention
Cathepsin B, BDNF, Hemopexin Verbesserung der Gedächtnisfunktion, Demenz-Prävention
Myostatin, Follistatin, IL-6, IL-7, IL-10, IL-15, IGF-1 Regulation der Muskelmasse, Steigerung des Knochenstoffwechsels und des Knochenaufbaus
Apelin Direkte und indirekte Regulation des Blutdrucks
SPARC, IL-6 Wachstumshemmung von Krebszellen
IL-15 IL-8 Aktivierung von Immunzellen, Infektprävention
Tabelle: Verschiedene Myokine und ihre Wirkungen (nach »Fujita Medical Journal« 2023, DOI: 10.20407/fmj.2022-020)

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