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Studie zum Gesundheitswesen

Deutsche bereit für Digitalisierung

Jeder zweite Deutsche ist unzufrieden mit dem digitalen Fortschritt im Gesundheitswesen. Das geht aus einer vom Marktforschungsinstitut Ipsos in Auftrag gegebenen Studie hervor. Demnach wünscht sich die Mehrheit der Bundesbürger die digitale Transformation möglichst schnell herbei. Experten sprechen sich für eine europaweite Strategie aus.
Jennifer Evans
22.08.2019
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Mehr als jeder dritte Befragte hält die Digitalisierung im Gesundheitswesens hierzulande für »rückständig«. Ob Patientenakte, digitale Terminvereinbarung mit Ärzten, Monitoring von Vitaldaten, Gesundheits-Apps oder Online-Beratung – nahezu alle digitalen Lösungen stuft mindestens jeder zweite Umfrageteilnehmer als nicht ausgereift ein. Grundsätzlich herrscht keine »generelle Abneigung in Deutschland gegenüber einem digitalen unterstützenden Gesundheitssystem«, heißt es in der vom internationalen Marktforschungsunternehmen Ipsos in Auftrag gegebenen Studie. Allerdings tun sich die Akteure des deutschen Gesundheitswesens schwer damit, die rund 2000 Krankenhäuser, 118 Krankenkassen, knapp 20.000 Apotheken, mehr als 200.000 Haus- und Fachärzten sowie Therapeuten und die 83 Millionen Patienten digital miteinander zu verbinden.

Für die Studie hatte die Unternehmensberatung Sopra Steria Consulting sowohl die Meinung von 35 Fachleuten aus der Gesundheitsbranche als auch die Sicht der Bevölkerung aus sechs europäischen Ländern zusammengetragen: Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien, Norwegen und Belgien. Insgesamt nahmen zwischen Juli 2018 und März 2019 je 200 Bürger pro Land an einem Telefoninterview teil.

Unzufrieden mit der digitalen Entwicklung sind demnach auch die Franzosen und die Spanier. In Norwegen und Belgien sind die Menschen hingegen zufriedener mit dem digitalen Ausbau ihres Gesundheitswesens. Das bestätigten auch die befragten Experten. Während ihnen das Tempo hierzulande in diesem Bereich zu langsam ist, bewerteten sie die Einführung der digitalen Transformation in Belgien als systematisch und Norwegen halten sie sogar für ein Vorbild. Einer der  Hauptgründe, warum Deutschland in Sachen Digitalisierung hinterherhängt, liegt nach Ansicht der Experten im föderalen System und der damit verbundenen dezentralen Organisation. Insbesondere stehen demnach Insellösungen dem flächendeckenden Start digitaler Anwendungen im Wege. Und auch die hohen Anforderungen an die Datensicherheit sei für viele Anbieter eine Hürde.

Europäische Rahmenbedingungen vonnöten

Der Studie zufolge befürchten die Experten, dass bei weiteren Verzögerungen Technologiekonzerne wie Google, Amazon, Facebook, Apple & Co. die Branchen übernehmen und europaweit die »Souveränität über Patientendaten« verloren geht. Schließlich gebe es kaum Vorhaben der EU-Staaten mit vergleichbarer Größe und Kapitalkraft. Zudem hätten die Global Player bereits »massiv in digitale Healthcare-Anwendungen und Fachexpertise investiert. Gegenüber nationalen Initiativen haben sie bereits einen Vorsprung«, heißt es. Daher empfehlen die Experten unter anderem einheitliche gesetzliche Rahmenbedingungen für Anbieter digitaler Gesundheitslösungen in ganz Europa, um die Marktmacht der Global Player durch klare Regeln zu entschärfen.

Derzeit würden lediglich 5 Prozent der Bundesbürger ihre Gesundheitsinformationen diesen Konzernen anvertrauen, betonen die Experten. Auch gegenüber der Pharmaindustrie sind die Deutschen laut Studie skeptisch. Anders sieht das bei Ärzten, Apothekern und Krankenhäusern aus: Auf sie vertrauen 68 Prozent der Bundesbürger, wenn es um die Entwicklung und Einführung von digitalen Lösungen geht. Speziell diese Positionen sollten daher gestärkt werden, meinen die internationalen Gesundheitsexperten. Ministerien, Behörden und Krankenversicherer hätten hingegen nur dann eine Chance in diesem Markt, wenn sie Mediziner mit ins Boot holten.

Austausch von Daten hat Priorität

Die Studie belegt auch, dass inzwischen die Bevölkerung Druck auf die Akteure im Gesundheitswesen ausübt. Immerhin glauben drei Viertel der Deutschen, dass digitale Lösungen wie etwa die elektronische Patientenakte, das E-Rezept und Gesundheits-Apps die Behandlung, Prävention und Diagnose von Krankheiten deutlich verbessern wird. Insbesondere der Austausch von Daten zwischen den Akteuren hat für die Befragten Priorität. 73 Prozent sind sogar bereit, mehr Daten auf ihrer digitalen Krankenakte zur Verfügung zu stellen, wenn es eine zufriedenstellende Lösung dafür gibt. Eine große Mehrheit hält eine personalisierte Beratung auf Basis und Empfehlungen ihrer medizinischen Daten nämlich für nützlich.

Die befragten Gesundheitsexperten aller Länder sind sich einig: Es braucht einen stärkeren politischen Willen, um das Gesundheitswesen konsequent digital zu gestalten. Auch deutlich mehr länderübergreifende Zusammenarbeit sowie neue Finanzierungsmodelle fordern sie, um digitale Lösungen zum Erfolg zu bringen.  Zudem plädieren sie dafür, Akteure über neue Versorgungsmodelle zu vernetzen und Interoperabilität und Datensicherheit zu forcieren. Derzeit arbeite jedes europäische Land weitgehend allein. Dabei gehe der Überblick verloren und es komme zu massiven Verzögerungen.

Die Rolle der EU ist unklar

Im Rahmen der Studie hinterfragten die Gesundheitsexperten auch das Engagement der EU. Sie werde als Institution »nicht als Treiber für die Digitalisierung im Gesundheitssektor wahrgenommen«, heißt es. Die Ausnahme bilde die Datenschutz-Grundverordnung (DSVGO). Sie setze Anbietern digitaler Lösungen in Sachen Datennutzung Grenzen und verhindere ausufernde Geschäfte damit. Mehrheitlich sprechen sich die Experten für eine zentral koordinierte Digitalisierungsstrategie aus. Zu viel Einsatz auf europäischer Ebene könnte sich auf der anderen Seite aber auch negativ auf den Fortschritt auswirken, geben andere Fachmänner zu bedenken: »Die fehlende Interoperabilität, bereits auf nationalem Niveau ein Riesenproblem, skaliert sich auf EU-Ebene zu einem Komplexitätsungetüm, das sich kaum einfangen lässt«.

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