Sir Arthur Conan Doyle war skeptisch gegenüber dem von Robert Koch verkündeten Fortschritt in der Tuberkulose-Therapie. / © IMAGO/opale.photo
Im Jahr 1890 glaubte Professor Dr. Robert Koch, die Welt im Sturm zu erobern. Acht Jahre zuvor hatte der deutsche Forscher und Mediziner eine sensationelle Entdeckung gemacht: Die Ursache für die »große weiße Pest« war nicht schlechte Luft, sondern ein mikroskopisch kleiner Erreger namens Mycobacterium tuberculosis.
Als Koch schließlich sein Heilmittel gegen Tuberkulose – eine seinerzeit geheimnisvolle Zubereitung namens Tuberkulin – präsentieren wollte, machte sich Begeisterung und Hoffnung in ganz Europa breit. Patienten und Journalisten strömten nach Berlin. Dort nämlich hatte Koch am 6. August 1890 im eigens dafür umgebauten Circus Renz die Neuigkeit vor 5000 Ärzten auf dem »X. internationalen medizinischen Kongress zu Berlin« verkündet.
Unter den Reisenden war auch der bis dahin kaum bekannte englische Arzt und spätere Schriftsteller Dr. Sir Arthur Conan Doyle, Schöpfer der Sherlock-Holmes-Krimis. Obwohl Doyle es selbst ablehnte, in echten Kriminalfällen als Alter Ego des legendären Detektivs zu ermitteln, hatte er doch in Sachen Tuberkulin den richtigen Riecher. Zu Kochs Entdeckung zitiert ihn laut seiner Autobiografie die britische Tageszeitung »The Daily Telegraph«, dass »das Ganze in einem unausgereiften Versuchsstadium stecke«.
Doyle ist der Auffassung, dass »ein Großteil des sogenannten Fortschritts illusionär« war. Wie recht er angesichts Kochs neuen Wundermittels hatte, belegen auch Stellungnahmen von Ärzten, Toxikologen und Klinikdirektoren. Doyle selbst bezeichnet seine Reise nach Berlin in der Autobiografie als eine neue Episode in seinem Leben: »Sie begann, als Robert Koch 1890 verkündete, er habe ein sicheres Heilmittel gegen Schwindsucht entdeckt und werde dies an einem bestimmten Datum in Berlin demonstrieren«, heißt es.
Der Schriftsteller verspürte damals den Drang, nach Berlin zu reisen, und packte im südenglischen Southsea innerhalb weniger Stunden seine Sachen. In London machte er Zwischenstation, um Mr. William Thomas Stead, Herausgeber der Zeitschrift »Review of Reviews«, aufzusuchen. Von ihm erhielt er Empfehlungsschreiben für Professor Koch sowie den berühmten Charité-Chirurgen Professor Dr. Ernst von Bergmann, der die Demonstration leiten sollte. Auch für den britischen Botschafter und den Berliner Korrespondenten der Tageszeitung »The Times« stellte Stead ihm Empfehlungen aus.
Im Nachtzug des »Continental Express« zwischen Calais und Berlin traf Dolye auf den, wie er schreibt, »sehr gut aussehenden und zuvorkommenden Londoner Arzt« Dr. Malcolm Morris, der dasselbe Ziel hatte. Auf der langen Fahrt – Abfahrt in Calais 20.30 Uhr, Ankunft am nächsten Tag circa 14 Uhr in Berlin – riet dieser Doyle, die Praxis in der Provinz aufzugeben und ebenfalls nach London zu gehen, wo Morris als Hautspezialist eine blühende Praxis betrieb.
In Berlin angekommen, gelang es Doyle trotz der Empfehlungsschreiben nicht, eine Eintrittskarte zu Kochs Event zu ergattern. »Ich hatte den tollkühnen Einfall, mir eine von Koch höchstpersönlich geben zu lassen und machte mich auf den Weg zu seinem Haus«, schrieb er. »Dort wurde ich Zeuge eines wunderlichen Geschehnisses – der Ankunft seiner Post. Im Flur wurde der Inhalt eines großen Sacks auf den Boden geleert, eine Unmenge Briefe, frankiert mit Marken aus allen möglichen Ländern Europas. Sie waren traurige Zeugen der vielen gebrochenen Existenzen und schweren Herzen, deren ganze Hoffnung auf Berlin ruhte. Koch gefiel sich jedoch in der Rolle des verborgenen Propheten und empfing weder mich noch irgendeinen anderen Besucher.«
Professor Dr. Heiner Barz ist Bildungsforscher und leitete bis zu seinem Ruhestand die Abteilung für Bildungsforschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Seine Schwerpunktthemen liegen an der Schnittstelle von Bildung, Gesundheit und Medizin
Auf dem Weg zur Tuberkulin-Demonstration schaffte es Doyle, zumindest am Klinikgebäude vorbeizukommen, nachdem er den Pförtner bestochen hatte. Am eigentlichen Veranstaltungssaal war jedoch Endstation. Und Professor Bergmann, dem er sich in den Weg stellte, wies ihn als lästigen »Engländer« ab. »‘Meine Vorlesungen sind ohnehin schon voller Engländer.‘ Er spuckte das Wort ‚Engländer‘ förmlich aus«, erinnert sich Doyle.
Ein amerikanischer Arzt aus Bergmanns Gefolge hatte die Szene beobachtet und wandte sich an Doyle mit den Worten. »Das war schlechtes Benehmen« und machte ihm einen Vorschlag. »Sie treffen mich heute Nachmittag um vier, und ich zeige Ihnen all meine Notizen zur Vorlesung. Und ich kenne die Fälle, über die er sprechen wird. Wir können sie uns morgen zusammen ansehen.«
Doyle war nach wie vor nicht überzeugt von der Wirksamkeit von Kochs Heilmittel. In seinem Brief an den »Daily Telegraph« betonte er daher, dass Tuberkulin nicht das Bakterium selbst bekämpfe, sondern lediglich Spuren infizierten Gewebes entferne. Das veranschaulichte er am 20. November 1890 in der Zeitung so: »Es ist, als würde ein Mann, dessen Haus von Ratten befallen ist, jeden Morgen die Spuren der Tiere entfernen und erwarten, sie so loszuwerden. Professor Koch selbst räumt ein, dass der Erreger unberührt bleibt …«
In seinen Memoiren kam Doyle auf die Berlin-Reise und den Brief an den Telegraph-Herausgeber zurück: »Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Brief der allererste war, der diesbezüglich Zweifel äußerte und zur Vorsicht mahnte. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich mit meiner Warnung recht behalten sollte.«
Koch selbst war angesichts der tatsächlich ausbleibenden Heilerfolge und der umkippenden öffentlichen Meinung Anfang des Jahres 1891 in einen mehrmonatigen »Erholungsurlaub« nach Ägypten verschwunden. Dort wartete er ab, bis sich die Wogen geglättet hatten. Sherlock Holmes, alias Sir Conan Doyle, hatte offenbar den richtigen Spürsinn gehabt.