| Theo Dingermann |
| 04.08.2026 12:00 Uhr |
Beim Tennis wird auch die Reaktionsgeschwindigkeit trainiert. Es gibt aber auch einfachere Wege, um diesen Parameter zu verbessern. / © Getty Images/South_agency
In einem aktuellen Beitrag auf dem Portal »CNN-Health« greift Dana Santas ein Thema auf, das im Rahmen von Maßnahmen hinsichtlich Prävention und Geriatrie bislang vergleichsweise wenig Beachtung findet: Die Reaktionsfähigkeit. Dabei ist Reaktionsfähigkeit trainierbar, und ihr Erhalt könnte sowohl die Sturzprävention als auch die kognitive Gesundheit positiv beeinflussen. Die Reaktionszeit beschreibt die Zeitspanne zwischen der Wahrnehmung eines Reizes und der Einleitung einer motorischen Antwort. Wie die Muskelmasse nimmt auch diese Fähigkeit bereits ab dem dritten Lebensjahrzehnt kontinuierlich ab. Jenseits des 60. Lebensjahres beschleunigt sich dieser Prozess deutlich.
Die Konsequenzen reichen weit über sportliche Leistungsfähigkeit hinaus. Langsamere Reaktionen erhöhen das Sturzrisiko und schränken häufig bereits vor dem ersten Sturz die Alltagsaktivität ein, weil Betroffene unbewusst unsicherer werden und anspruchsvollere Bewegungen meiden. Dieser Rückzug fördert wiederum den funktionellen Abbau, ein klassischer Teufelskreis des Alterns.
Aus neurobiologischer Sicht ist die Reaktionszeit weit mehr als ein motorischer Parameter. Sie spiegelt die Effizienz der Informationsverarbeitung im zentralen Nervensystem wider und gilt damit als funktioneller Marker der Gehirnleistung. Besonders die Verarbeitungsgeschwindigkeit gehört zu den kognitiven Fähigkeiten, die im Alter früh nachlassen und mit einem erhöhten Demenzrisiko assoziiert sind. Deshalb stellt sich zunehmend die Frage, ob gezieltes Training nicht nur die Motorik, sondern auch neurokognitive Alterungsprozesse günstig beeinflussen kann.
Wissenschaftlich ging dieser Frage die zwischen 1998 bis 2019 durchgeführte ACTIVE-Studie nach, um die langfristigen Effekte kognitiver Trainings-Interventionen zu untersuchen. Mehr als 2800 ältere Erwachsene waren in die Studie eingeschlossen und über 20 Jahre begleitet worden. Verglichen wurden Trainingsprogramme für Gedächtnis, logisches Denken und Verarbeitungsgeschwindigkeit. Bemerkenswert war, dass ausschließlich das Training der Verarbeitungsgeschwindigkeit langfristig mit einer signifikanten Verringerung des Demenzrisikos assoziiert war. Die Wahrscheinlichkeit, eine Demenz zu entwickeln, lag in dieser Gruppe um 25 Prozent niedriger als bei den nicht trainierten Teilnehmern. Zwar handelt es sich hierbei nicht um einen endgültigen Kausalitätsnachweis, die Ergebnisse unterstreichen jedoch das Potenzial gezielter neurokognitiver Trainingsprogramme.
Praktisch relevant ist, dass ein entsprechendes Training weder aufwendige Technik noch professionelle Sporteinrichtungen voraussetzt. Zwar existieren kommerzielle Lichtreaktionssysteme und digitale Reflextrainer, doch lassen sich ähnliche Trainingsreize auch mit einfachen Hilfsmitteln erzeugen.
Vorgeschlagen werden unter anderem Wandübungen mit einem Tennisball, Reaktionsübungen anhand zufälliger Zahlenfolgen oder Richtungswechsel auf verbale beziehungsweise visuelle Signale. Entscheidend ist dabei weniger die Bewegung selbst als deren Unvorhersehbarkeit. Nur unerwartete Reize zwingen das Nervensystem zu einer schnellen sensorischen Verarbeitung und einer unmittelbaren motorischen Anpassung, genau jene neuronalen Prozesse, die im Alltag vor Stürzen schützen können.
Zwei der Übungen zwei- bis dreimal pro Woche für jeweils fünf bis zehn Minuten auzuführen, reicht bereits als Training aus. Motivierend ist es, wenn individuelle Fortschritte systematisch dokumentiert werden. Verbesserungen zeigen sich nicht nur in schnelleren Reaktionen während des Trainings, sondern vor allem in größerer Bewegungssicherheit, besserer Balance und einem gesteigerten Vertrauen in die eigene Mobilität.
Für die Präventionsmedizin ergibt sich daraus eine interessante Perspektive. Während Krafttraining seit Jahren als Standardempfehlung für ältere Menschen etabliert ist, könnte Reaktionsschnelligkeit künftig als eigenständige funktionelle Zielgröße stärker in Präventionsprogramme integriert werden. Gerade in der öffentlichen Apotheke oder in Bewegungs- und Präventionsprogrammen ließe sich dieses Konzept mit einfachen Mitteln vermitteln.