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Eigenschutz durch OP-Masken

»Der Effekt ist überraschend groß«

Lange hieß es vonseiten des Robert-Koch-Instituts (RKI) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass einfache OP-Masken nicht vor einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 schützen. Bis Professor Dr. Holger Schünemann von der McMaster Universität in Kanada mit einer Metaanalyse den Gegenbeweis lieferte. Wie er das gemacht hat, berichtet er im Interview.
Frederik Jötten
07.08.2020  09:00 Uhr

PZ: Für Ihre Metaanalyse im Fachjournal »The Lancet« haben Sie systematisch alle Studien ausgewertet, die untersucht haben, wie gut Masken vor einer Ansteckung mit Coronaviren schützen (DOI: 10.1016/S0140-6736(20)31142-9). Was haben Sie herausgefunden?

Schünemann: Wir haben einen überraschend großen Effekt festgestellt. Nach unserer Analyse senken Masken das relative Risiko, sich zu infizieren, um etwa 80 Prozent. Das bedeutet: Wenn das Basis-Ansteckungsrisiko bei etwa 50 Prozent liegt, wie es etwa für Chorproben beschrieben wurde, dann verringert es sich, wenn ich eine Maske trage, auf 10 Prozent. Wir beziehen uns auf Daten für den einfachen chirurgischen Mundschutz, wie man ihn überall kaufen kann.

PZ: Das widerspricht dem, was das RKI und viele Experten bis in den März hinein gesagt haben. Es hieß immer, um sich selbst zu schützen, nützten einfache Masken nicht.

Schünemann: Als im Krankenhaus praktizierender Arzt werde ich von meinen Infektionsschutzkollegen angehalten, eine Maske zu tragen, wenn ich das Zimmer eines Patienten betrete, der möglicherweise mit einem Atemwegsvirus infiziert ist. In dem Fall geht es nicht um den Schutz des Patienten – der ist ja leider schon krank. Ein solcher Eigenschutz durch eine Maske ist wohl auch auf Kontakte außerhalb des Gesundheitssektors übertragbar. Die WHO hat ihre Leitlinie ja für bestimmte Risikogruppen auch bereits angepasst.

PZ: Lange sah man aber keine Beweise für den Schutzeffekt der Masken. Wie konnten Sie Ihre Ergebnisse erzielen?

Schünemann: Meine Kollegen von der McMaster University und der American University of Beirut und ich sind unvoreingenommen rangegangen. Wir wussten nicht, ob wir Studien finden würden, in denen Maskenträger mit Menschen verglichen wurden, die keinen Mund-Nasen-Schutz getragen hatten. Aber tatsächlich fanden wir 29 solcher Untersuchungen zu Coronaviren.

PZ: Was untersuchten die Studien?

Schünemann: Die meisten kamen aus dem Gesundheitswesen, aber es gab auch einzelne, in denen Haushalte, in denen Masken getragen wurden, mit solchen verglichen wurden, in denen das nicht der Fall war. Wenn es einen nachgewiesenen Infizierten gab, bestimmten die Forscher, wie viele andere Mitglieder des Haushalts sich angesteckt hatten, und verglichen die Haushalte mit und ohne Maskengebrauch. In anderen Studien wurden Infizierte im Nachhinein befragt, ob sie eine Maske getragen hatten.

PZ: Klingt nach einer relativ sauberen Methodik. Trotzdem stufen Sie die Sicherheit für die gefundenen Daten als »gering« ein. Warum?

Schünemann: Unsere Datenbasis beruht nicht auf randomisierten Studien, das ist eine Schwäche. Aber diese 80-prozentige Risikoreduktion ist relativ konstant über die Studien. Dass Masken einen Effekt haben, ist deshalb schon ziemlich sicher. Nur nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin reicht das, auch wegen anderer Schwächen der Studien, eben nicht, um von mittlerer oder hoher Sicherheit zu sprechen.

PZ: Wie könnte man den endgültigen Beweis erbringen?

Schünemann: Das ist sehr schwierig. Wir brauchen besser kontrollierte Studien, am besten randomisierte. Eine Möglichkeit wäre, zum Beispiel einzelne Bezirke von Städten oder ganze Städte dazu zu bestimmen, eine Maske zu tragen, und andere nicht.

PZ: Nun sind die Menschen nicht besonders erpicht darauf, sich Vorschriften machen zu lassen. Vielleicht möchten einige Mitglieder ausgeloster Haushalte keine Maske tragen...

Schünemann: Genau. Und umgekehrt würde ein solches Vorgehen nicht sicherstellen, dass aus der Gruppe, die man dazu bestimmt hat, keine Maske zu tragen, wirklich niemand eine anhat. Denn viele Menschen wollen sich ja schützen und würden es nicht einsehen, keine Maske zu tragen.

Ich forsche seit vielen Jahren an der McMaster Universität in Hamilton, Kanada, der Wiege der evidenzbasierten Medizin. Forschungsmethodik ist für uns extrem wichtig. Aber wir haben mit den Jahren festgestellt: Wenn keine randomisierten Studien da sind, müssen wir uns eben die nicht randomisierten anschauen und dann genau beschreiben, wie sehr wir diesen Arbeiten vertrauen.

Erfahrungen nutzen

PZ: Sie beziehen sich in Ihrer Analyse vor allem auf Studien aus den SARS-und MERS-Epidemien. Warum hat die früher niemand genauer analysiert?

Schünemann: Diese Arbeit ist relativ schwierig. Wir haben zum Beispiel mit drei chinesischen Kollegen zusammengearbeitet, die uns beim Übersetzen rein chinesischer Studien geholfen haben. Aber ein Problem war, dass in den Expertengremien so viele Bedenken bestehen, diese nicht randomisierten Studien zu benutzen.

PZ: Hätten Institutionen wie RKI und WHO nicht im Sinne des Vorsorgeprinzips bei unklarer Datenlage zur Sicherheit eher zur Maske raten sollen als davon ab?

Schünemann: Die Institutionen hätten sich anders entscheiden können, aber im Nachhinein ist das einfach zu sagen. Unsere Aufgabe war es nicht, Empfehlungen auszusprechen. In der westlichen Wissenschafts-Community hieß es, es gebe keine Daten, weil sich bis dato niemand die Mühe gemacht hatte, die nicht randomisierten Studien systematisch anzuschauen. Andere Wissenschaftler bewerten diese Arbeiten auch kritischer als wir.

PZ: WHO und RKI haben argumentiert, dass Masken sogar die Gefahr erhöhen, sich zu infizieren.

Schünemann: Es bestand die Angst, dass Menschen sich durch Masken so sicher fühlen, dass sie andere Verhaltensregeln, wie Abstand halten oder Hände waschen, nicht mehr befolgen würden. Aber da gibt es jetzt Hinweise, dass das nicht stimmt. Eine Infektionsquelle könnte allerdings das Auf- und Absetzen der Maske sein, weniger beim normalen OP-Mundschutz als bei den FFP2- und FFP3-Respiratoren. Dazu fehlen noch hochwertige Studien.

PZ: Hat uns im Westen der SARS-Schock gefehlt, um den Wert der Masken erkennen zu können?

Schünemann: Ich glaube schon. In Toronto gab es ja 2003 einen SARS-Ausbruch. Das kann jetzt eine anekdotische Beobachtung sein, aber dass Menschen in die Ellenbeuge husten, hat sich seit SARS in Kanada durchgesetzt. In vielen Ländern Asiens hat sich mit der damaligen Epidemie das Maskentragen etabliert. Vor 100 Jahren, als die Spanische Grippe ausgebrochen ist, gab es zum Beispiel in einigen Teilen der USA auch eine Maskenpflicht. Wenn diese Erfahrung nicht vor so langer Zeit gewesen wäre, hätte man im Westen auch nicht solche Probleme mit dem Maskentragen gehabt. Es wäre gut, wenn es sich jetzt ins gesellschaftliche Bewusstsein einprägt, dass Masken gegen die Verbreitung respiratorischer Infektionen helfen können.

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