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Cemiplimab

Der dritte PD-1-Inhibitor

Seit August gibt es einen neuen Wirkstoff auf dem deutschen Markt, der den Immun-Checkpoint Programmed cell death protein 1 (PD-1) hemmt: Cemiplimab. Es ist nach Pembrolizumab und Nivolumab der dritte verfügbare PD-1-Inhibitor. Seine Indikation unterscheidet sich aber von denen der beiden anderen.
Annette Mende
04.09.2019  11:00 Uhr
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Cemiplimab (Libtayo® 350 mg Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Sanofi Genzyme und Regeneron) wird zur Behandlung von Erwachsenen mit metastasiertem oder lokal fortgeschrittenem Plattenepithelkarzinom der Haut eingesetzt. Der Antikörper wird als Monotherapie gegeben, wenn eine operative Entfernung des Tumors oder eine kurative Strahlentherapie nicht in Betracht kommen. Dies ist bei etwa 5 Prozent der Patienten mit dieser Krebsform der Fall. Für die Betroffenen gab es bislang keine zugelassene Therapieoption.

Cemiplimab ist ein humaner Immunglobulin-G4 monoklonaler Antikörper, der gegen den PD-1-Rezeptor auf T-Zellen gerichtet ist. Durch seine Bindung an den Rezeptor verhindert Cemiplimab, dass die Liganden PD-L1 und PD-L2 an PD-1 andocken und die T-Zell-Funktion hemmen. Dadurch verstärkt Cemiplimab die T-Zell-Antwort einschließlich der Anti-Tumor-Antwort.

Patienten erhalten 350 mg Cemiplimab alle drei Wochen als intravenöse Infusion über 30 Minuten. Eine Dosisreduktion ist nicht vorgesehen. Bestimmte Nebenwirkungen können aber eine Unterbrechung der Therapie erforderlich machen. Die Fachinformation enthält hierzu detaillierte Angaben. Die Behandlung kann bis zum Fortschreiten der Erkrankung oder bis zum Auftreten einer nicht mehr akzeptablen Toxizität fortgeführt werden.

Problematisch sind insbesondere immunvermittelte Nebenwirkungen, die schwerwiegend und sogar tödlich verlaufen können. Der behandelnde Arzt ist verpflichtet, den Patienten darüber aufzuklären und ihm Schulungsmaterial zum Verhalten beim Auftreten solcher Reaktionen sowie einen Patientenpass zu überreichen. Immunvermittelte Nebenwirkungen von Cemiplimab können jedes Organsystem betreffen; in der Fachinformation explizit genannt sind unter anderem Pneumonitis, Diarrhö, Hepatitis, Endokrinopathien, Schilddrüsenerkrankungen, Hypophysitis, Nebenniereninsuffizienz, Typ-1-Diabetes, Hautreaktionen sowie Nephritis. Immunvermittelte Nebenwirkungen traten in den Zulassungsstudien gelegentlich bis häufig auf, klangen aber unter einer geeigneten Therapie oder nach Absetzen von Cemiplimab meist wieder ab.

Verschiedene Dosierungen geprüft

Die Wirksamkeit von Cemiplimab wurde in der offenen Phase-II-Studie 1540 (EMPOWER-CSCC-1) nachgewiesen, an der insgesamt 193 Patienten teilnahmen: 115 mit metastasierter Erkrankung (metastatic cutaneous Squamous Cell Carcinoma, mcSCC) und 78 mit lokal fortgeschrittener Erkrankung (locally advanced cutaneous Squamous Cell Carcinoma, lacSCC). Patienten mit lacSCC sowie die Hälfte derjenigen mit mcSCC erhielten alle zwei Wochen 3 mg Cemiplimab pro kg Körpergewicht. Die andere Hälfte der Patienten mit mcSCC wurde alle drei Wochen mit 350 mg Cemiplimab behandelt.

Primärer Endpunkt der Studie war die bestätigte objektive Ansprechrate (objective response rate, ORR). Diese betrug bei mcSCC-Patienten mit Behandlung alle 14 Tage 49,2 Prozent, bei lacSCC-Patienten 43,6 Prozent und bei mcSCC-Patienten mit Behandlung alle drei Wochen 39,3 Prozent. Als sekundäre Endpunkte wurden unter anderem das komplette Ansprechen, das progressionsfreie Überleben (PFS) sowie das Gesamtüberleben (OS) erhoben. Nach zwölf Monaten betrugen das PFS in der ersten Patientengruppe 53,1 Prozent und das OS 81,3 Prozent; in der zweiten Patientengruppe waren es 58,1 Prozent (PFS) und 93,2 Prozent (OS) und in der dritten 44,6 Prozent (PFS) und 76,1 Prozent (OS). Ein komplettes Ansprechen war in der ersten Patientengruppe bei 16,9 Prozent der Patienten zu verzeichnen, in der zweiten bei 12,8 Prozent und in der dritten bei 3,6 Prozent.

Hieraus könnte man schließen, dass die nun zugelassene fixe Dosierung der gewichtsadaptierten unterlegen ist. Dies ist jedoch nicht der Fall, wie die PZ von Sanofi auf Nachfrage erfuhr: Die Nachbeobachtungszeit sei in der dritten Patientengruppe kürzer gewesen als in den anderen beiden Gruppen, die Ansprechraten nähmen aber mit der Dauer der Anwendung zu. Zudem hätten pharmakokinetische Studien gezeigt, dass die Cemiplimab-Exposition unabhängig vom verwendeten Dosierungsschema konsistent bleibt.

Zur Anwendung von Cemiplimab in Schwangerschaft und Stillzeit liegen keine Daten vor. Die Anwendung in der Schwangerschaft wird nicht empfohlen, es sei denn, der klinische Nutzen überwiegt das potenzielle Risiko. Frauen im gebärfähigen Alter müssen während der Therapie mit Cemiplimab bis mindestens vier Monate danach eine zuverlässige Verhütungsmethode anwenden. Mütter dürfen während der Therapie und bis vier Monate danach nicht stillen.

Aufgrund der bislang nur begrenzten Daten wurde die Zulassung für Cemiplimab unter »besonderen Bedingungen« erteilt. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) erwartet somit vom Hersteller, dass er weitere Belege für den Nutzen des Arzneimittels vorlegt. Diese wird die EMA jährlich prüfen und gegebenenfalls die Fachinformation aktualisieren.

Cemiplimab ist wie alle Antikörper im Kühlschrank bei 2 bis 8 °C zu lagern. Um sie vor Licht zu schützen, soll die Durchstechflasche in der Originalverpackung aufbewahrt werden. Als Trägerlösung für die Infusion kommen physiologische Kochsalzlösung sowie 5-prozentige Glucose infrage. Nach dem Verdünnen ist die fertige Lösung nach maximal acht Stunden bei Raumtemperatur beziehungsweise 24 Stunden bei Lagerung im Kühlschrank zu verbrauchen.

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