Pharmazeutische Zeitung online
Corona-Lockdown
Depressionen verschlechtern sich – jetzt dagegen angehen

Experten fürchten Zunahme der Suizidversuche

Angesichts des aktuellen Teil-Lockdowns und möglicher weiterer Einschränkung diesen Winter über warnte Hegerl vor einer längeren und dauerhaften Verschlechterung der Versorgung von depressiv Erkrankten und in der Folge zwar nicht mit mehr Neudiagnosen, wohl aber mit häufigeren, längeren und stärkeren depressiven Episoden bei den bereits Erkrankten. »Menschen mit psychischen Erkrankungen werden derzeit große Opfer abverlangt – hier besteht Diskussionsbedarf zur Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen«, meint Hegerl.

Dabei verwies der Psychiater auch auf einen befürchteten Anstieg der Suizidalität. »Die deutliche Verschlechterung der Versorgung wird sich vermutlich hier auch auswirken«, befürchtet der Inhaber der Senckenberg-Professur an der Goethe-Universität Frankfurt/Main. Er rechnet mit mehr Suizidversuchen, die jedoch im Gegensatz zu vollendeten Suiziden nicht offiziell erfasst würden, daher gebe es bislang keine Daten dazu. »Wir müssen verhindern, dass Menschen so verängstigt sind, dass sie keine medizinische Hilfe suchen, das gilt bei Depressionen genauso wie bei Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Krebs.« Die antidepressive Behandlung sei besser als ihr Ruf – »da müssen wir unsere Möglichkeiten weiterhin voll ausnutzen«.

Was Betroffene selbst tun können

Von ihren Erfahrungen im ersten und jetzt auch zweiten Lockdown berichteten auch zwei Betroffene. Eine Patientin lebt bereits seit 15 Jahren mit der Erkrankung. »Es war ein langer Weg, damit umzugehen. Durch die Therapie, meine Arbeit und meine sozialen Kontakte war die Erkrankung bislang handelbar«, so die freiberuflich tätige Patientin. »Sport, Beruf, Freunde, Alltagsstruktur – durch den ersten Lockdown sind plötzlich viele Bausteine weggefallen, da habe ich mich sehr isoliert gefühlt und habe eine Schub bekommen.« Die depressive Episode sei stärker und länger gewesen als sonst. »Ich habe mich so hilflos gefühlt und wusste nicht, wie es weitergehen soll.« Immerhin fanden schnell Video-Therapiestunden mit der vertrauten Therapeutin statt. Ein Online-Programm habe ihr zusätzliche Impulse gegeben.

»Über den Sommer habe ich wieder Struktur in mein Leben geholt und fühlte mich besser«, so die Betroffene. Auf die kommende Zeit sei sie nun besser eingestellt und habe einen Plan: Statt ins Fitnessstudio will sie joggen gehen, statt sich mit Freunden im Restaurant zu treffen einen kleinen Spieleabend zu Hause machen. »Wichtig für mich ist, dass mein Sozialleben stabil bleibt.« Zudem habe sie ihren Nachrichtenkonsum auf einmal am Tag beschränkt. Nicht zuletzt bleiben die Therapiestunden und das ergänzende Online-Programm.

Ähnliche Erfahrungen machte ein anderer Patient, der seit Jahrzehnten an Depressionen leidet und frühverentet ist. »Ich habe meine Kontakte von selbst eingeschränkt, da es mir schlechter ging, aber ich mich niemandem aufdrängen und so zeigen wollte.« Ihm hätte vor allem die Selbsthilfegruppe gefehlt, die sich mittlerweile aber online organisiert hat. Auch er nutzt eine Online-Programm, bei dem er festhält, wie die einzelnen Tage liefen, was ihm gut tat, was schlecht. Zwar falle der Reha-Sport weiter aus, aber er habe sich fest vorgenommen, regelmäßig an die frische Luft zu gehen. 

Seite<12

Mehr von Avoxa