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Starker saisonaler Effekt

Das Corona-Sommermärchen

Der saisonale Effekt ist ebenso wirksam gegen die Coronavirus-Verbreitung wie die effektivsten Distanzierungsmaßnahmen, zeigt eine neue Modellierungs-Studie der Universität Oxford. Demnach ist das Coronavirus im Sommer 40 Prozent weniger ansteckend als im Winter.
Christina Hohmann-Jeddi
22.06.2021  13:00 Uhr

In Deutschland sinken und sinken die Corona-Inzidenzen. Eine Ursache für den starken Rückgang ist vermutlich die Wetterveränderung in den vergangenen Wochen. Das legt zumindest eine noch ungeprüfte Untersuchung nahe, die Forschende um Tomas Gavenciak von der Universität Oxford nun auf dem Preprint-Server »MedRxiv« veröffentlicht haben. Während bei anderen respiratorischen Viren ein saisonaler Effekt mit einer verstärkten Verbreitung in der kalten Jahreszeit bereits bekannt ist, waren saisonale Variationen bei SARS-CoV-2 noch nicht gut untersucht.

Das Team um Gavenciak wertete Daten des gesamten Jahres 2020 aus 143 europäischen Regionen aus, um die Assoziation zwischen Saisonalität und Übertragbarkeit des Virus anhand einer Modellierung zu ermitteln. Die Effekte von Distanzierungsmaßnahmen wurden dabei herausgerechnet. Wie die Forscher berichten, sank die Transmission vom Höhepunkt des Winters bis zum Höhepunkt des Sommers um 42,1 Prozent.

Demnach wäre der saisonale Effekt deutlich stärker als bislang vermutet. Dem Team zufolge ist er ebenso wirksam wie die effektivsten Einzelmaßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, aber nicht wie eine Kombination dieser. Auf was genau der Effekt zurückgeht, sei schwer zu sagen, heißt es in der Publikation: Temperatur, Luftfeuchtigkeit und UV-Strahlung können die Virusstabilität, aber auch die Empfänglichkeit des Wirts und dessen Immunreaktionen beeinflussen. Zudem seien Verhaltensänderungen bei wärmeren Temperaturen und soziale Faktoren wie Schulferien mit einzubeziehen. Auch bei anderen respiratorischen Pathogenen, etwa bei Grippeviren, sind die Ursachen für die saisonalen Unterschiede in der Verbreitung noch nicht verstanden. Vermutlich spielen hier verschiedene Faktoren eine Rolle, die komplex miteinander zusammenhängen.

Die Autoren betonen, dass ihre Ergebnisse nicht im Widerspruch zu beobachteten Ausbrüchen im Sommer oder in den Tropen stünden. Trotz des errechneten Effekts könne die Reproduktionszahl R auch im Sommer und in konstant warmen Regionen über 1 liegen. Eine Limitation ihrer Modellierungsstudie sei, dass Daten aus nur einem Jahr berücksichtigt werden konnten. Zudem stammten die Daten aus Europa, weshalb Klimaeffekte in den Tropen nicht zu ermitteln gewesen seien.

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