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Fettgewebe

Darum nehmen wir im Alter zu

Je älter man wird, desto schwieriger ist es oft, das Gewicht zu halten. Woran das liegt, haben jetzt schwedische Forscher herausgefunden: Der Umsatz von Lipiden im Fettgewebe geht zurück. Die harte Wahrheit lautet somit: Wer nicht zunehmen möchte, muss weniger essen.
Annette Mende
13.09.2019
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Älter zu werden, mag geistig eine Bereicherung darstellen, hat körperlich jedoch definitiv auch Nachteile. Einer davon ist, dass es den meisten Menschen mit steigendem Alter immer schwerer fällt, nicht zuzunehmen. Selbst körperlich aktive und sich gesund ernährende Menschen bemerken oft, dass sich mit den Jahren das eine oder andere Fettpölsterchen festsetzt, das vorher nicht da war.

Woran liegt das? Das wollten Forscher um Professor Dr. Peter Arner vom Karolinska Institut in Stockholm wissen. Sie unterzogen deshalb 44 Frauen und zehn Männer einer Langzeit-Untersuchung. Bei den Probanden wurden über durchschnittlich 13 Jahre verschiedene Parameter gemessen, darunter die Umsatzrate von Lipiden im weißen Fettgewebe. Dessen Zellen, die Adipozyten, bestehen zu mehr als 95 Prozent aus der Fett-Speicherform Triglyceride. Letztere werden durch Lipolyse, Lipidoxidation oder Umlagerung in andere Zellen immer mal wieder abgebaut, während neue eingelagert werden, was als Lipidumsatz bezeichnet wird.

Um das Alter und damit die Umsatzrate der in den Adipozyten eingelagerten Triglyceriden zu bestimmen, bedienten sich die Forscher der aus der Archäologie bekannten 14C-Methode. Diese misst das Verhältnis von radioaktivem 14C zu stabilem 12C und war bisher eigentlich nicht für eine Genauigkeit unter mehreren Jahrzehnten bekannt. Da aber nach den Atombombenabwürfen im Zweiten Weltkrieg und den bis in die 1960er-Jahre dauernden überirdischen Atomtests die Menge an 14C in der Atmosphäre stark angestiegen sei, lasse sich das Alter der Lipide in menschlichen Fettzellen anhand ihres Gehalts an 14C nun mit hinreichender Genauigkeit ermitteln, schreiben die Forscher im Fachjournal »Nature Medicine«.

Die Messungen ergaben, dass das Alter der Lipide über den Beobachtungszeitraum um durchschnittlich 0,6 bis 0,8 Jahre signifikant anstieg. Der Lipidumsatz war also gesunken, und zwar unabhängig vom Alter des Probanden bei Studienbeginn und davon, ob derjenige in dieser Zeit zu- oder abgenommen oder sein Gewicht gehalten hatte. Probanden, die ihre Kalorienaufnahme nicht senkten, legten über die 13 Jahre durchschnittlich 20 Prozent an Körpergewicht zu.

Die Beobachtung einer zweiten Kohorte bestätigte die zentrale Rolle des Lipidumsatzes bei der Regulation des Körpergewichts. Diese Kohorte bestand aus 41 Frauen, die sich aufgrund krankhafter Adipositas einer operativen Magenverkleinerung unterzogen hatten. Die Forscher um Arner konnten nachvollziehen, dass dieser Eingriff insbesondere bei denjenigen Teilnehmerinnen zu einer starken und lang anhaltenden Gewichtsabnahme geführt hatte, die vor der OP einen niedrigen Lipidumsatz gehabt, diesen aber danach gesteigert hatten. Sie interpretieren dies so, dass der Spielraum zur Verbesserung der Fettverbrennung bei den betroffenen Frauen besonders groß war.

»Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass es im Fettgewebe Faktoren gibt, die altersbedingte Veränderungen des Körpergewichts unabhängig von anderen Faktoren steuern«, sagt Arner in einer Mitteilung des Karolinska Instituts. Dies könne neue Wege in der Behandlung von Übergewicht und Adipositas eröffnen. Eine Möglichkeit, um den Lipidumsatz zu erhöhen und somit der altersabhängigen Gewichtszunahme zu entgehen, nennen die Autoren in dem Artikel selbst: Ausdauertraining. Dies ist ein bewährter, allerdings nicht besonders neuer Ansatz.

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