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Gürtelrose

Covid-19 als Risikofaktor für Herpes zoster

Die Gefahr, sich eine Gürtelrose einzufangen, wird gemeinhin unterschätzt. Die Impfraten gegen Varizellen gehören zu den niedrigsten überhaupt. Dabei ist das Risiko für eine Herpes-zoster-Infektion während der Pandemie noch gestiegen.
Elke Wolf
14.06.2022  07:00 Uhr

Eine Infektion mit SARS-CoV-2 macht für andere Erkrankungen empfänglicher. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass eine Covid-19-Infektion bei Menschen über 50 Jahre das Risiko für einen Herpes zoster um 15 Prozent erhöht. Bei Covid-19-Erkrankten mit schweren Verläufen, bei denen eine Hospitalisierung erforderlich war, stieg das Gürtelroserisiko gar um 21 Prozent. Dies zeigt eine Auswertung von US-amerikanischen Krankenversicherungsdaten im Zeitraum von März 2020 bis Februar 2021, die im Fachmjournal »Open Forum Infectious Diseases« erschienen ist.

Dabei wurden die Daten von 394.677 Personen über 50 Jahre mit nachgewiesener SARS-CoV-2-Infektion mit denen von 1.577.346 Personen über 50 Jahre ohne SARS-CoV-2-Infektion verglichen. Bei den Kohorten wurden Faktoren wie Alter, Geschlecht, chronische Erkrankungen oder immunrelevante Risikofaktoren herausgerechnet. Prinzipiell hatten Frauen ein höheres Risiko als Männer, Personen über 65 Jahre waren stärker gefährdet als 50- bis 64-Jährige.

Die Analyse zeigte zudem, dass ein Herpes zoster infolge einer Coronainfektion entweder innerhalb der ersten 30 Tage auftritt, oder drei bis sechs Monate nach der Erkrankung. Mehr als die Hälfte der Fälle trat jedoch bereits innerhalb der ersten Woche nach Diagnosestellung auf. Nach einem halben Jahr glich sich das Risiko dem der nicht mit SARS-CoV-2 Infizierten an. Die Autoren schließen aus den Ergebnissen, dass Covid-19 als Risikofaktor für Herpes zoster betrachtet werden könne.

Wie erklärt man sich die immunbiologischen Zusammenhänge? Das erklärte etwa Privatdozent Dr. Michael Überall, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin, bei einer Pressekonferenz der Firma Glaxo SmithKline, so: »Wir vermuten, dass Covid-19 einen Herpes zoster auslösen kann, indem es die Immunzellen schädigt und so eine Reaktivierung von Varicella zoster ermöglicht. Laut verschiedener Studien weist ein großer Teil der Covid-19-Patienten eine Lymphopenie auf. Diese Verringerung von Immunzellen im Blut könnte der Grund dafür sein, warum das Immunsystem bei Menschen über 50 Jahre – und mit zunehmendem Alter stärker – nicht mehr in der Lage ist, die Reaktivierung von Varizellen zu unterdrücken.«

Covid-Momentum nutzen

Die aktuell niedrigen Impfquoten gegen Herpes zoster machen die Infektionslage nicht gerade beruhigender. Laut dem »Epidemiologischen Bulletin« (Nummer 50/2021) lagen die Impfraten für die erste Dosis bundesweit bei rund 5 Prozent, für die zweite bei 3,3 Prozent. »Damit ist die Impfbereitschaft für die Gürtelrose-Impfung die niedrigste überhaupt. Während die Impfung gegen Influenza in Pandemiezeiten deutlich angestiegen ist, sind andere Standardimpfungen hingegen in den Hintergrund getreten. Dabei gilt es jetzt, das Covid-Momentum zu nutzen und wieder vermehrt an Standardimpfungen wie gegen Herpes zoster zu denken – zumal aktuelle Studien zeigen, dass durch Covid-19 das Risiko für andere Viruserkrankungen steigt«, forderte Dr. Jens Vollmar, Medizinischer Leiter Impfstoffe, Reise- und Tropenmedizin bei GSK.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt allen Personen ab einem Alter von 60 Jahren die Impfung mit dem adjuvantierten Totimpfstoff Shingrix® mit zwei Impfstoffdosen im Abstand von mindestens zwei bis maximal sechs Monaten zur Verhütung von Herpes zoster und seinen Komplikationen. Die Empfehlung richtet sich auch an Personen ab 50 Jahren bei erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge einer Grunderkrankung. Da auch eine durchgemachte Gürtelrose nicht vor einer neuerlichen Erkrankung schützt, empfiehlt sich laut Vollmar auch für sie die Impfung. »Diese Patienten haben ein deutlich erhöhtes Risiko für ein Rezidiv in den nächsten zehn Jahren.«

Schmerz als Leitsymptom

Der Fokus des Bestrebens müsse auf der Prävention liegen. Darin waren sich die anwesenden Mediziner einig. »Zu viele Patienten bekommen zu spät eine antivirustatische Therapie, diese ist nur innerhalb der ersten 72 Stunden effektiv«, schilderte die Allgemeinmedizinerin Dr. Petra Sandow aus Berlin. Das mag vor allem daran liegen, dass sich eine Gürtelrose in etwa der Hälfte der Fälle atypisch präsentiert. »Die Effloreszenzen sind bei Weitem nicht immer bläschen- und gürtelförmig. Oft ist nur eine leichte Hautrötung in der Nackenpartie zu sehen. Was aber immer auftritt, ist der Schmerz, begleitet von einem allgemeinen Krankheitsgefühl«, informierte sie. Das mache es schwer, die richtige Diagnose zu stellen und schnell eine antivirale Therapie einzuleiten. Auch eine Schmerztherapie erfolge in der Praxis erst sehr verzögert nach Auftreten der Schmerzsymptomatik.

Doch eine nicht adäquat behandelte Herpes-zoster-Infektion neigt zu Komplikationen. So sind bis zu 30 Prozent der Betroffenen im Nachgang von einer Post-Zoster-Neuralgie (PZN) betroffen. Diese schränkt laut Überall die Lebensqualität stärker ein als die eigentliche Infektion. »Die Patienten beschreiben sie als stechend, blitzartig einschießend, brennend oder elektroschock-ähnlich.« Oft gehe eine PZN zudem mit Taubheit an den betroffenen Stellen bis hin zum Verlust jeglicher taktilen Empfindung einher. Untersuchungen zeigten, dass die Schmerzen über viele Monate und bis zu Jahren andauern können. Für die Patienten stehe zudem oft eine Behandlungs-Odyssee an – im Schnitt werden etwa acht Ärzte und Experten aufgesucht und zahlreiche verschiedene analgetische Therapien ausprobiert, bis die passende Schmerzbehandlung gefunden ist. »Das gilt es zu verhindern«, sagte der Mediziner.

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