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SARS-CoV-2

Corona-Impfstoffe aus Deutschland in Arbeit

Medikamente Made in Germany – das wird derzeit wieder vermehrt gefordert. In der Entwicklung eines Impfstoffs gegen das neue Coronavirus ist Deutschland vorne mit dabei.
dpa
PZ
10.03.2020  12:30 Uhr

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass erste Impfstoff-Tests an Menschen in drei bis vier Monaten beginnen könnten. Ein zugelassener Impfstoff für den weitreichenden Einsatz stehe aber wohl erst in 18 Monaten zur Verfügung.

«Generell ist die Entwicklung von Impfstoffen ein langwieriger Prozess, bei dem allein die klinischen Prüfungen mehrere Jahre in Anspruch nehmen», sagt Professor Dr. Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) im hessischen Langen, dessen Kernaufgabe die Überprüfung und Zulassung von Impfstoffen ist. Im Kampf gegen das Coronavirus berät es zudem Unternehmen bei der Impfstoff-Entwicklung. «In Fällen wie jetzt beim SARS-CoV-2 und nachdem die WHO den internationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen hat, haben wir als Regulatoren die Möglichkeit, Impfstoff-Projekte bevorzugt zu behandeln und bei aller gebotenen Sorgfalt schnelle Entscheidungen zu treffen», sagt Cichutek.

Schon in wenigen Monaten könnte mit klinischen Prüfungen der Phase 1 von Coronavirus-Impfstoffen in Deutschland begonnen werden, hofft auch Cichutek – sofern die erforderlichen präklinischen Daten dies erlaubten. In dieser Phase geht es vor allem um die Sicherheit der Impfstoffe und um ihre Fähigkeit, das Immunsystem zu einer spezifischen Abwehrreaktion anzuregen. Gleich drei vielversprechende Kandidaten kommen aus Deutschland.

mRNA-Impfstoff aus Tübingen

In Tübingen entwickelt das Biotech-Unternehmen CureVac einen Impfstoff gegen das Coronavirus SARS-CoV-2. «Wir arbeiten mit Hochdruck an dieser Sache», sagte CureVac-Vorstand Florian von der Mülbe der Nachrichtenagentur dpa. Alle Abteilungen fokussierten sich momentan auf dieses Thema. Die CureVac-Mitarbeiter wählen derzeit den geeignetsten Impfstoff-Kandidaten für eine klinische Studie mit Probanden aus. «Wir hoffen, im Frühsommer mit der klinischen Erprobung beginnen zu können», sagt von der Mülbe.

Ende Januar erteilte die internationale Impfstoffkooperation CEPI den Tübingern die Zusage für eine Förderung von 8,3 Millionen US-Dollar (rund 7,5 Millionen Euro), um einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu finden, herzustellen und in Studien zu prüfen. CEPI ist eine öffentlich-private Allianz, das Bundesministerium für Bildung und Forschung ist Gründungsmitglied. Weltweit unterstützt CEPI mehrere ähnliche Initiativen. Weltweit laufen nach neuesten Angaben des Verbands der forschenden Pharmaunternehmen vfa mindestens 16 Projekte für Impfstoffe gegen SARS-CoV-2. Hinzu kommen wohl noch einige chinesische Projekte, über die weniger bekannt ist.

CureVac setzt auf einen mRNA-Impfstoff. mRNA (messenger RNA) kommt als Botenstoff für genetische Information in jeder menschlichen Zelle vor. Von der Mülbe beschreibt das Vorgehen seines Unternehmens so: «Der Botenstoff enthält den Steckbrief des Feindes, den wir dem Körper übergeben.» Damit wisse das Immunsystem, dass nach den Informationen auf dem Steckbrief gesucht werden müsse, und der Körper könne seine Abwehrmechanismen anwenden.

CureVac bekam dafür die genetische Information des neuartigen Coronavirus, die bereits wenige Wochen nach Bekanntwerden des Erregers ermittelt wurde. Darin stecken alle Informationen, die das Virus für seine Vermehrung braucht – auch für die Herstellung jener Bestandteile, auf die der Körper nach einer Impfung mit der Bildung von Antikörpern und anderen Abwehrstoffen reagiert.

Das Coronavirus nutzt ein Protein in seiner Hülle, ein sogenanntes Spike-Protein, um in menschliche Zellen über deren ACE2-Rezeptor einzudringen. Die Impfstoffentwickler konzentrieren sich derzeit auf das Spike-Protein. Die Bauanleitung für das Hüllprotein von SARS-CoV-2 verpacken die CureVac-Forscher in Nanopartikel, die die mRNA in die menschlichen Zellen liefern. Diese bilden dann das virale Hüllprotein und präsentieren es auf ihrer Oberfläche, woraufhin das Immunsystem mobilisiert wird.

CureVac hat mit dieser Methode schon an der Entwicklung von mRNA-basierten Tumor-, Grippe- oder Tollwut-Impfstoffen gearbeitet. Laut von der Mülbe kann das Unternehmen unabhängig von der Art eines neuen Virus auf seine immer gleichen Prozesse zur mRNA-Herstellung zurückgreifen – und deshalb klinische Versuche innerhalb weniger Monate anstoßen. 

Deutsche Uni-Forscher konstruieren Impfvirus

Auch einige deutsche Virologen von Universitäten arbeiten unter dem Dach des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) arbeiten mithilfe von Impfstoff-Plattformen an einem SARS-CoV-2-Impfstoff. Unter Leitung von Professor Dr. Gerd Sutter von der LMU München in Kooperation mit einer Arbeitsgruppe um Professor Dr. Stephan Becker von der Universität Marburg wird an einem Vektor-Impfstoff auf Basis des Modifizierten Vaccinia-Virus Ankara (MVA) gearbeitet. Sie nutzen dieses für den Menschen harmlose Virus als Transporter für Virusproteine, gegen die das menschliche Immunsystem Antikörper bilden soll – im aktuellen Fall gegen das Spike-Protein von SARS-CoV-2. Der Vektor dringt nach der Impfung in Zellen ein, woraufhin diese ähnlich wie beim mRNA-Ansatz das Spike-Protein auf ihrer Oberfläche bilden, das vom Immunsystem erkannt wird.

»Die genetische Konstruktion des Impfstoffes und die ersten Produktionsschritte sind in etwa sechs bis acht Wochen abgeschlossen«, prognostizierte der Marburger Virologe Becker am Montag in einer Pressemitteilung des DZIF. »Doch auch wenn diese ersten Produktionsschritte so ablaufen wie erhofft, wird ein Impfstoff in diesem Jahr nicht mehr zur Verfügung stehen«, heißt es weiter. Die klinische Prüfung wird von Professor Dr. Marylyn Addo vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) geleitet werden. Sie habe laut DZIF bereits maßgeblich an der Entwicklung des Ebola- und des MERS-Impfstoffs mitgewirkt, für die die klinischen Prüfungen noch im Gang sind.

In größerem Umfang produziert werden soll der vektorbasierte Impfstoff von der deutschen Firma IDT Biologika mit Sitz in Dessau-Roßlau. Das Unternehmen habe bereits eine eigene Zelllinie für die Produktion des MERS-Impfstoffs in großem Maßstab entwickelt.

Parallel arbeiten Forscher des DZIF an einer zweiten Plattform. Unter Leitung von Privatdozent Dr. Michael Mühlebach setzen die Wissenschaftler dort einen Masernimpfstoff als Vektor für fremde virale Proteine ein. Man habe bereits rekombinante Impfviren mit genetischer Information von SARS-CoV-2 fertig erzeugt. Diese würden nun vermehrt und sollen dann in vitro und in vivo charakterisiert werden.

»Wenn wir die Eignung eines auf dem Masernimpfvirus basierenden Impfstoff-Kandidaten in einem halben Jahr erforscht haben, kann danach die Entwicklung eines entsprechenden SARS-CoV-2-Impfstoffs von anderen Forschergruppen vorangetrieben werden«, wagt Mühlebach eine erste Prognose. Durch die Veröffentlichung relevanter Forschungsergebnisse könne auch die Weiterentwicklung für industrielle Partner möglich gemacht werden.

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