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Studieneignungstest PhaST

Chance oder Hindernis?

Für das kommende Wintersemester wird an einigen Standorten erstmals ein fachspezifischer Eignungstest bei der Studienplatzvergabe berücksichtigt. Die PZ hat mit den Projektleitern Professor Dr. Frank Böckler und Dr. Stephan Stegt über den Test gesprochen. Böckler ist Professor der Pharmazeutischen Chemie an der Universität Tübingen. Stegt ist Psychologe und Testentwickler beim Institut für Test- und Begabungsforschung (ITB).
Carolin Lang
Michelle Haß
04.07.2020  08:00 Uhr
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PZ: Warum wurde der Test eingeführt?

Böckler: Der Test soll eine Möglichkeit darstellen, ein zusätzliches Auswahlsystem in der Studienplatzvergabe zu etablieren, das unabhängig von der Abiturnote ist und die fachspezifische Eignung für den Studiengang abbildet. Dies fordert nicht zuletzt das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das die Dominanz der Abiturnote in der Studienplatzvergabe und deren mangelnde Vergleichbarkeit zwischen den Bundesländern für änderungsbedürftig hält.

Die Förderung des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg ermöglichte den Universitäten Freiburg, Heidelberg und Tübingen, einen Verbund zu bilden. Deren Ziels war es, ein pharmaziespezifisches Testverfahren zu entwickeln, ähnlich wie es bei den Medizinern durch den sogenannten Test für Medizinische Studiengänge (TMS) schon länger etabliert ist.

Stegt: Langjährige psychologische Forschungen zeigen, dass ein Eignungstest sehr gut die für ein Studium erforderlichen Kompetenzen und Fähigkeiten testet und eine Prognose zum Studienerfolg treffen kann.

Böckler: Für die Universitäten ist es wichtig, dass der Zulassungsprozess zielführend ist – sprich, dass eine Studienauswahl auch zum Studienerfolg führt. Denn nur ein Studienerfolg sichert den dringend benötigten Nachwuchs in allen pharmazeutischen Tätigkeitsfeldern, besonders der Offizinpharmazie. Unsere Formel für Studienerfolg setzt sich dabei aus Kompetenz, Fähigkeiten und Vorkenntnissen zusammen. Das alles sollte das Testergebnis widerspiegeln.

PZ: Bin ich automatisch ungeeignet für das Pharmaziestudium, wenn ich schlecht beim PhaST abschneide?

Böckler: Nein, das kann man so sicher nicht sagen. Der Studienerfolg ist allerdings wahrscheinlicher, wenn der Testteilnehmer sehr gut abschneidet, und etwas unwahrscheinlicher, wenn er schlecht abschneidet. Natürlich spielen auch weitere Faktoren eine Rolle, die im Rahmen eines solchen Tests – und im Übrigen auch aus der Abiturnote – nicht ermittelt werden können. Dazu gehören zum Beispiel Fleiß, eine gute Strategie sowie Teamfähigkeit. Außerdem ist das Testergebnis auch von anderen Faktoren abhängig beispielsweise der Vorbereitungszeit.

Der Test soll niemanden abschrecken, sondern den Studiengang Pharmazie für mehr Interessierte attraktiver und besser zugänglich machen. Die bisherige starke Fixierung der Bewerber auf Abiturnote und Numerus Clausus war dabei oft hinderlich. Wir benötigen fähige und effiziente Studierende, damit wir auch dem Bedürfnis der Offizin-Apotheker nach mehr Nachwuchs nachkommen können.

Stegt: Wichtig ist außerdem, nicht zu vergessen, dass Menschen sich noch weiterentwickeln können. Es geht bei dem Testergebnis nur um eine Abschätzung der Studienerfolgs-Wahrscheinlichkeit.

PZ: Werden im Test auch Fähigkeiten abgefragt, die Apotheker später in der Offizin brauchen?

Böckler: Ohne Zweifel sind beispielsweise gute Kommunikationsfähigkeit und Empathie für den Patienten wichtige Talente, die in der Offizin über Kundenbindung und wirtschaftlichen Erfolg entscheiden können. Aus gutem Grund besteht der Zweite und Dritte Abschnitt der Pharmazeutischen Prüfung aus mündlichen Prüfungsformaten.

Dennoch stößt ein digitaler Studieneignungstest hier natürlich an die Grenzen der Umsetzbarkeit unter standardisierten Bedingungen. Deshalb wurde den Hochschulen auch die Möglichkeit eingeräumt, Auswahlgespräche in strukturierter und standardisierter Form durchzuführen. Darüber hinaus bin ich davon überzeugt, dass sich Kommunikationsfähigkeit in der Patientenberatung gerade durch gute berufliche Vorbilder im Praktischen Jahr und der Berufspraxis trainieren lässt.

PZ: Wer konzipiert die Fragen?

Böckler: Die Fragen werden von den am Verbund beteiligten Universitäten in Zusammenarbeit mit dem ITB entwickelt. Da der Test fachspezifisch sein sollte, haben sich die Fachbereiche Pharmazie der baden-württembergischen Hochschulen entschlossen, ein Testverfahren zu entwickeln, das die für das Studium benötigten Fähigkeiten misst. Konkret bedeutet dies, dass verschiedene Dozenten und Hochschullehrer der Pharmazie aus Baden-Württemberg involviert sind.

Stegt: Unterstützt werden sie vom ITB, das langjährige Erfahrung mit der Erstellung von Studieneignungstests hat. Im ITB arbeiten hauptberufliche Testentwickler, die neben der beruflichen Expertise einen Master in Psychologie sowie eine gesonderte nach DIN-Norm anerkannte Qualifikation zum Entwickeln von Eignungstests haben.

Studieneignungstests haben eine sehr lange Geschichte. Bereits Anfang der 1980er-Jahre wurde in Deutschland ein Eignungstest für den Studiengang Pharmazie entwickelt. Die damaligen Erfahrungen und Evaluationsergebnisse sind in die Entwicklung des PhaST mit eingeflossen.

PZ: Wie wird der Test ausgewertet?

Stegt: Zunächst einmal ist wichtig zu wissen, dass die Testergebnisse bei der Auswertung auf den Mittelwert 100 und die Standardabweichung 10 normiert werden, genau wie beim TMS. Das funktioniert durch verschiedene mathematische Methoden und Testtheorien. Wie der Test ausfällt, hängt nicht von der Gesamtleistung der Gruppe ab und auch nicht davon, ob man an eine leichtere oder schwerere Version geraten ist. Das hat den Vorteil, dass wir Leistungen vergleichen können, auch wenn wir unterschiedlich schwierige Testversionen haben.

PZ: Professor Böckler, wie schätzen Sie als Apotheker die Schwierigkeit des Tests ein?

Böckler: Ich würde keinem Studienplatzbewerber einen Test stellen wollen, den ich nicht bereit wäre, in der gleichen Situation auch zu schreiben. Bei der Erstellung der Fragen haben wir uns an den Veranstaltungen des Grund- und Hauptstudiums orientiert und uns gefragt: Auf welche Eigenschaften und Kompetenzen kommt es an, um erfolgreich zu sein? Das Fragenformat soll eine Diversität an Fähigkeiten abbilden, die unseren Studierenden im pharmazeutischen Curriculum zugute kommt. So ist das Verknüpfen komplexer Daten eine wichtige Fähigkeit als Pharmazeut.

PZ: Können Sie ein Beispiel nennen?

Böckler: Als Pharmazeut betrachtet man nicht nur die chemische Struktur des Wirkstoffes oder das Krankheitsbild eines Patienten, sondern man setzt verschiedene Sichtweisen wie die pathologische Sicht mit der pharmakologischen, der molekularpharmakologischen, der biochemischen Sicht sowie der Struktur des Wirkstoffes und vielleicht sogar noch die Struktur-Wirkungsbeziehung mit dem Target in Beziehung und betrachtet es als Ganzes.

PZ: Ist der Test fair?

Böckler: In meinen Augen ist der Test fair. Mit Fairness meine ich, dass man mit einer übersichtlichen Vorbereitungszeit und den passenden Fähigkeiten ein gutes Ergebnis erzielen kann.

Stegt: Der Test wurde so entwickelt, dass nach Möglichkeit die Hälfte der Fragen richtig beantwortet werden, denn dann bietet der Test eine gute Differenzierung auch in den Randbereichen.

PZ: Was bedeutet eine übersichtliche Vorbereitungszeit?

Stegt: Bisher gibt es noch keine Daten, die zeigen, wie sich die Vorbereitungszeit auf das PhaST-Ergebnis auswirkt. Wir haben aber ähnliche Studien beispielsweise beim Medizinertest durchgeführt. Wir gehen von einer Vorbereitungszeit von 20 bis 30 Stunden aus, um das persönliche Maximum zu erreichen. Der Test ist nicht darauf ausgerichtet, dass jemand, der sich extrem lange darauf vorbereitet, im Test auch Spitzenergebnisse erzielt. Jedoch ist auch davon abzuraten, komplett unvorbereitet an dem Test teilzunehmen.

PZ: Wie bereite ich mich am besten auf den Test vor?

Böckler: Uns ist es wichtig, dass der PhaST kein Testformat ist, bei dem sich Teilnehmer in Vorbereitungskurse einschreiben müssen, um optimale Ergebnisse zu erzielen oder sich den Studienplatz zu sichern. Online stellen wir Beispielfragen zur Verfügung, sodass Testteilnehmer vorab die Fragentypen kennenlernen und sich darauf einstellen können. Manche überlegen sich vielleicht eine gute Strategie, wie sie die verschiedenen Aufgaben am besten bearbeiten. Bewerber, die die passenden Fähigkeiten mitbringen, haben dann gute Chancen. Es hat gar keinen Sinn, ins Blaue hinein Chemie-Wissen zu pauken. Selbstverständlich schadet es nicht zu überprüfen, was habe ich aus der Schule mitgenommen, aber der Fokus liegt nicht auf fachspezifischen Fragen, sondern auf Fragen, die die kognitiven Fähigkeiten und Kompetenzen ermitteln sollen.

PZ: Kann sich ein negatives Testergebnis negativ auf meine Bewerbung auswirken?

Böckler: Wichtig für die Bewerber ist zu verstehen, dass, egal wie das Testergebnis ausfällt, man durch die Teilnahme seine Chancen auf einen Studienplatz immer erhöht. Durch die Teilnahme am PhaST kann man zusätzliche Bonuspunkte für die Bewerbung sammeln, jedoch keine Minuspunkte erhalten. Man verbaut sich durch eine schlechte Tagesform bei der Testteilnahme auch keine Lebenschancen. Denn man kann den Test im nächsten Kalenderjahr für die neue Zulassungskampagne wiederholen.

PZ: Ist der Test bei einer Bewerbung an den Studienstandorten Heidelberg, Freiburg oder Tübingen verpflichtend?

Böckler: Bewerber können den Test machen, müssen es aber nicht. Sie haben jedoch nur Vorteile davon, denn selbst bei einer durchschnittlichen Leistung haben sie mit absolviertem Test und durchschnittlicher Leistung einen deutlichen Vorsprung im Auswahlranking.

PZ: Wissen Sie, wie andere Universitäten zu dem Test stehen?

Böckler: Im vergangenen Jahr haben wir die Gelegenheit genutzt, innerhalb der pharmazeutischen Community über unser Vorhaben zu informieren und auch positive Rückmeldungen bekommen. So haben sich die Kollegen aus Saarbrücken sehr kurzfristig dem Projekt angeschlossen und haben bereits im laufenden Zulassungsverfahren den PhaST mit signifikantem Anteil in die Auswahlkriterien einbezogen. Wir führen zudem Gespräche mit anderen Standorten. Konkrete Namen können wir hier aber noch nicht offiziell nennen.

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