| Jennifer Evans |
| 05.06.2026 09:00 Uhr |
Burnout bei Apothekern und Apothekerinnen wird oft als ein Problem individueller Belastbarkeit gesehen. Dabei liegen die systemischen Mängel, die dazu führen, auf der Hand, meinen Experten. / © PZ/generiert mit KI
Patientensicherheit gelingt nur, wenn Apothekerinnen und Apotheker unter guten Bedingungen arbeiten können – darauf wiesen Fachleute in einem Webinar des Weltapothekerverbands FIP hin.
»Wir müssen auf uns selbst achten und genügend Ressourcen haben, um auch für andere da zu sein«, betonte Kay Dunkley, Apothekerin und Geschäftsführerin des australischen Pharmacists' Support Service. Dafür brauchen Apothekenteams ein unterstützendes Umfeld in ihrem Betrieb und eine gesunde Arbeitsplatzkultur.
Schlechte Kommunikation, destruktive Kritik, ständige Kontrolle, ungerechtfertigte Schuldzuweisungen oder gar Beleidigungen, Demütigung und Ausgrenzung gefährden nicht nur das Team, sondern auch die Patientinnen und Patienten. Denn je weniger Ablenkung und mentale Anspannung, desto weniger Fehler passieren. Dunkley formuliert es so: »Apotheker brauchen im Alltag psychologische Sicherheit, damit sie sich zu Wort melden, Fragen stellen oder eingreifen können, um die Versorgung zu schützen.«
Solche mentalen Belastungsfaktoren treiben neben einem hohen Arbeitspensum Mitarbeitende eines Apothekenteams schnell in ein Burn-out. »Angesichts des Personalmangels können wir uns das nicht leisten«, so Dunkley. Die Resilienz Einzelner zu stärken reiche jedoch nicht aus. Es brauche strukturelle Veränderungen, die faire und verlässliche Arbeitsbedingungen schaffen.
Zubin Austin, Professor für Pharmazie an der kanadischen Universität Toronto, formulierte es so: »Du bist besser dran, wenn du als normal belastbarer Mensch in einem resilienten Arbeitsumfeld arbeitest, als wenn du extrem widerstandsfähig bist, aber in einer ungesunden Umgebung stehst.« Solange das Umfeld nicht unterstützend sei, helfe auch mehr Meditation, Joggen oder Achtsamkeitstraining wenig. Wenn Apothekerinnen und Apotheker ausbrennen, sei das kein persönliches Scheitern, sondern ein Systemfehler.
Insbesondere in Krisenzeiten mit extremen emotionalen und beruflichen Herausforderungen zeigte sich: Das Personal bleibt resilienter, wenn die Vorgesetzten Unitasking statt Multitasking ermöglichen. Auch feste Acht-Stunden-Schichten erwiesen sich in Austins Forschung als optimal – selbst wenn manche Mitarbeitenden lieber zwölf Stunden arbeiten würden. Diese vier Stunden machten langfristig den entscheidenden Unterschied, wie sich Belastungsspitzen auswirken, so Austin.
Teamkalender funktionieren ebenfalls besser als individuelle Planungen, weil sie zeigen, wer an welchem Tag mit wem zusammenarbeitet. Das schafft Ruhe und Orientierung. Gleiches gilt für klare Workflows und den gezielten Einsatz von Technologien: »Sie sollten Abläufe erleichtern und Ressourcen freisetzen – nicht Zeit fressen«, so Austin. Auch eine ergonomische, ansprechende Einrichtung zahle sich aus.
Ein weiterer Stressfaktor für Heilberuflerinnen und Heilberufler sind Loyalitätskonflikte. Wer in Kooperationen mit wirtschaftlichen Interessen arbeitet und gleichzeitig eine sichere Versorgung gewährleisten muss, gerät schnell in einen Zwiespalt. »Das darf eigentlich nicht sein«, sagte der Pharmazieprofessor.
Apothekerinnen und Apotheker brennen aber nicht wegen ihres Arbeitspensums aus, sondern weil sie sich nicht so intensiv mit der Patientenversorgung befassen können, wie sie gerne würden. Darauf wies die neuseeländische Apothekerin und Autorin Katrina Azer hin. »Der Wert eines Angestellten wird oft daran gemessen, wie viele Rezepte er beliefert – nicht daran, wie viele Leben er berührt.« Die bloße Quotenorientierung zeuge zudem von mangelnder Wertschätzung für die Arbeit des Berufsstands.
Auch sie fordert, den Fokus der Verantwortung vom Individuum wegzulenken: »Es ist ein Systemfehler.« Gerade gewissenhafte Pharmazeutinnen und Pharmazeuten seien besonders gefährdet, weil sie tendenziell anfälliger für Überlastungen seien. Azer spricht aus eigener Erfahrung. Sie selbst erlitt nach 18 Jahren in der Offizin ein Burn-out – und stellte danach nicht nur sich, sondern den gesamten Beruf infrage.
Sie warnt davor, wie schlechte Arbeitsbedingungen Mitarbeitende in eine Identitätskrise treiben können. Viele Apothekerinnen und Apotheker rund um den Globus verstünden nicht, warum ihr Studium kaum noch eine Rolle spiele oder warum der Berufsalltag so weit von ihren ursprünglichen Vorstellungen entfernt sei. Diese Entfremdung zerstöre Leidenschaft und Bindung. Wer in einer solchen persönlichen Krise aussteige, kehre selten zurück – ein bitterer Verlust für einen ohnehin unterbesetzten Berufsstand, so Azer.
Sie selbst hat das Apothekersein für sich neu überdacht. Inzwischen bezeichnet sie sich als »Pharma Artist« und verbindet Wissenschaft, Geschichtenerzählen und Herzblut. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, Apothekerinnen und Apothekern dabei zu helfen, ihre Beziehung zum Beruf zu heilen und den Sinn ihrer Arbeit wiederzuentdecken.
Azer rät deshalb, sich eine Identität jenseits des Berufs aufzubauen. Das stärke die Resilienz und gebe ein Gefühl von Freiheit. Ein Stück weit trage also jede und jeder selbst Verantwortung für das eigene Wohlbefinden – eine Erkenntnis, die sie selbst erst schmerzhaft lernen musste.
Am Ende waren sich die Expertinnen und Experten einig: Erstens brauchen systemische Probleme systemische Lösungen. Zweitens sollte niemand im Apothekenteam Angst haben, um Hilfe zu bitten, wenn die Belastung zu groß wird. Und drittens müssen alle einander unterstützen – schließlich sollten weder einzelne Menschen leiden noch sollte am Ende der ganze Berufsstand Schaden nehmen müssen.