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Arzneistoffentwicklung

Blutverdünner ohne Blutungen als Nebenwirkung

Bei Blutverdünnern scheinen gewünschte Wirkung und Nebenwirkung untrennbar miteinander verbunden. Eine neue Wirkstoffklasse könnte dieses Dilemma lösen. Forscher fanden einen anderen Ansatz zur Blutverdünnung.
Daniela Hüttemann
11.08.2020  15:00 Uhr

Schweizerische Forscher haben einen Blutverdünner mit neuem Wirkmechanismus synthetisiert. Anders als alle bisherigen Hemmer der Blutgerinnung soll die neue Substanz zwar sicher vor Thrombosen schützen, das Blut aber nach einer Verletzung normal gerinnen lassen. Bislang konnte der Arzneistoffkandidat diesen Effekt aber nur im Tierversuch zeigen.

Wie die Forscher um Christian Heinis von der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne gemeinsam mit Wissenschaftlern anderer Universitäten vergangene Woche in »Nature Communications« berichteten, konnte der makrozyklische Peptid-Inhibitor in Mäusen, Kaninchen und Schweinen effektiv und mit subnanomolarer Aktivität den Gerinnungsfaktor XIIa (FXIIa) hemmen. Die Forscher nennen ihren Prototypen FXII900. Bei Mäusen, bei denen künstlich eine Thrombose induziert wurde, konnte das Molekül das Ausmaß der Blutgerinnsel-Bildung hemmen. Bei Kaninchen, die über eine extrakorporale Membran-Oxygenierung (ECMO) künstlich beatmet wurden, erhöhte sich dank FXII900 das Risiko für Blutungen nicht, wie es normalerweise der Fall gewesen wäre.

Wie sind die Forscher vorgegangen? »Der FXII-Inhibitor ist eine Variation eines zyklischen Peptids, das wir in einem Pool von mehr als einer Milliarde verschiedener Peptide mithilfe einer Technik namens Phagendisplay identifiziert haben«, erklärt Studienleiter Heinis in einer Pressemitteilung. Sein Team verbesserte die pharmakokinetischen Eigenschaften dieses Moleküls, indem es einige seiner natürlichen Aminosäuren durch synthetische ersetzte. »Dies war keine schnelle Aufgabe. Die Fertigstellung dauerte über sechs Jahre und zwei Generationen von Doktoranden und Post-Docs«, so Heinis.

Das Ergebnis ist ein äußerst stabiles Molekül mit einer Plasmahalbwertzeit von mehr als 120 Stunden, das hochselektiv und hochpotent FXIIa hemmt. Nur ein Problem gibt es: Das Molekül wird relativ schnell durch die Nieren gefiltert und ausgeschieden. So ist eine Applikation nur als konstante Infusion möglich. Heinis ist jedoch optimistisch: »Wir beheben dies. Wir entwickeln derzeit Varianten des FXII-Inhibitors mit einer längeren Retentionszeit.«

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