| Melanie Höhn |
| 12.03.2026 17:30 Uhr |
Mehr als 90 Prozent der befragten Behörden gaben an, Werbung in sozialen Medien nicht routinemäßig zu kontrollieren. / © Imago Images/Roman Möbius
Schon länger ist Gesundheitswerbung auf Social Media, insbesondere für Nahrungsergänzungsmittel (NEM), ein Problem. Die PZ berichtete bereits. Eine aktuelle Recherche von Foodwatch zeigt nun, dass kaum Kontrollen seitens der Lebensmittelüberwachungsbehörden dahingehend stattfinden.
»Bei der Werbung für Nahrungsergänzungsmittel herrscht in den sozialen Medien Wildwest-Atmosphäre – doch der Sheriff schaut weg«, erklärte Rebekka Siegmann von Foodwatch. »Bund und Länder müssen die Lebensmittelüberwachung endlich so ausstatten, dass sie auch im digitalen Raum wirksam kontrollieren kann.«
Foodwatch sieht das Hauptproblem bei der kommunal organisierten Lebensmittelüberwachung in Deutschland: Die Überwachungsämter litten ohnehin schon unter Personalmangel und kämen kaum hinterher, Hygienevorschriften in Restaurants zu kontrollieren – bei der Überprüfung der Werbung in sozialen Medien stießen sie endgültig an ihre Grenzen. Die Kontrolle des Online-Markts müsse auf Bundesebene gebündelt und die Überwachung ausreichend personell und finanziell ausgestattet werden, forderte die Organisation.
Aus Sicht von Foodwatch würden Influencer zum Teil »haarsträubende Gesundheitsversprechen« machen: Sie bewerben etwa Mittel gegen Krebs, Depressionen, Stress, Entzündungen und sogar gegen die Corona-Impfung. Letztere seien beispielsweise Kapseln mit dem Namen »Spikx Remove« und dem Versprechen, die Impfung aus dem Körper zu »bekommen«, hieß es in einer Mitteilung der Organisation.
Foodwatch hat die rund 400 Überwachungsämter in Deutschland in den Jahren 2024 und 2025 zu dieser Problematik befragt und 309 Antworten von Behörden erhalten. Das Ergebnis: Mehr als 90 Prozent gaben an, Werbung in sozialen Medien nicht routinemäßig zu kontrollieren.
Davon erklärten 80 Ämter, dass sie nur anlassbezogen kontrollieren – etwa nach Hinweisen oder Bürgerbeschwerden. Eine systematische Überwachung finde nicht statt. Der Main-Taunus-Kreis merkte an, man könne »auf Grund der personellen Gegebenheiten« nicht aktiv werden. Der Landkreis Cloppenburg teilte mit, das Amt habe »bislang keinen Zugang zu Social Media«.
Für das Jahr 2025 gaben die Behörden an, insgesamt lediglich 30 Werbeaussagen mit Gesundheitsbezug geprüft zu haben. 17 davon stuften sie als unzulässig ein. Mehrere Behörden teilten mit, entsprechende Zahlen nicht zu erheben.
Die Stadt Karlsruhe stellte laut Foodwatch eine der wenigen Ausnahmen dar: Dort sei im vergangenen Jahr ein halber Stellenanteil für den Bereich Onlinehandel geschaffen worden. Nach eigenen Angaben prüfe die Behörde alle ihr möglichen Kanäle, auch Instagram, wenig TikTok, allerdings »in der Regel nur bei Gewerbeanmeldung« und ohne »vollumfängliche Sichtung«.
Da die Behörden meist erst nach externen Hinweisen tätig werden würden, hat Foodwatch eigene Recherchen durchgeführt. Die Organisation habe die Instagram-Beiträge (Stories und Posts) von 189 Fitness- und Gesundheits-Influencerinnen und -Influencern über einen Zeitraum von 23 Tagen im Januar 2026 analysiert. 101 von ihnen hätten demnach in 560 Fällen Lebens- und Nahrungsergänzungsmittel mit konkreten Gesundheitsversprechen beworben.
Foodwatch habe überprüft, ob diese Aussagen den rechtlichen Vorgaben entsprechen. Maßgeblich sei hier vor allem die europäische Health-Claims-Verordnung (HCVO), die Verbraucher vor irreführender Gesundheitswerbung schützen soll.
Das Ergebnis der Foodwatch-Auswertung: In 550 Fällen waren die Health Claims aus Sicht der Organisation unzulässig, zehn seien zulässig gewesen. Damit würden 98,2 Prozent der getätigten Gesundheitsversprechen gegen die HCVO beziehungsweise die Lebensmittelinformationsverordnung verstoßen. Foodwatch habe diese rechtswidrige Gesundheitswerbung den zuständigen Überwachungsbehörden gemeldet.
»Es kann nicht sein, dass Verbraucher:innen auf Social Media systematisch mit irreführender Gesundheitswerbung getäuscht werden, während die zuständigen Stellen überlastet oder technisch abgehängt sind«, kritisierte Rebekka Siegmann. »Wenn die Behörden bei der Überwachung versagen, liefert Foodwatch ihnen die Verstöße frei Haus – nun müssen sie der irreführenden Gesundheitswerbung einen Riegel vorschieben.«
Werbung für Nahrungsergänzungsmittel mit irreführenden Versprechen sei nicht nur ein teures Ärgernis für Verbraucher, sondern »berge auch handfeste Gesundheitsgefahren – von Überdosierung bis hin zu potenziell gesundheitsgefährdenden Inhaltsstoffen oder der Wechselwirkung mit Medikamenten«.
Laut Verbraucherzentralen nimmt auch der Betrug durch KI-Deepfake-Videos von Prominenten immer mehr zu. Dabei geht es auch um Werbung für angebliche Medikamente gegen Diabetes, Schwerhörigkeit, Rücken- und Gedächtnisprobleme oder Prostatabeschwerden. Die PZ berichtete.