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Coronaviren in Deutschland

Behörden suchen nach weiteren Infizierten

Der Bundesgesundheitsminister sprach am Mittwochabend vom Beginn einer Epidemie mit SARS-CoV-2 in Deutschland. Es wird mit einem deutlichen Anstieg der Fälle gerechnet, da Infektionsketten nicht immer nachzuvollziehen sind.
dpa
27.02.2020  10:30 Uhr

Nach mindestens zehn neuen Coronavirus-Nachweisen in Deutschland erwarten Experten weitere Fälle der Lungenkrankheit Covid-19. In mehreren Bundesländern wird intensiv nach möglichen Infizierten gesucht. «Wir befinden uns am Beginn einer Corona-Epidemie in Deutschland», sagte Gesundheitsminister Jens Spahn am Mittwochabend in Berlin. «Die Infektionsketten sind teilweise – und das ist die neue Qualität – nicht nachzuvollziehen.» Er komme «immer mehr zu der Überzeugung, die Wahrscheinlichkeit, dass diese Epidemie an Deutschland vorbeigeht, wird sich nicht erfüllen und nicht ergeben», sagte der CDU-Politiker.

In den meisten Fällen verlaufen Infektionen mit SARS-CoV-2 mild oder ganz symptomfrei, die Infizierten sind jedoch ansteckend. Die Fälle in Nordrhein-Westfalen hängen laut den Behörden zusammen. Zunächst waren Infektionen bei einem Ehepaar aus Gangelt bekanntgeworden – eine Kindergärtnerin und ihr Mann. Sie hätten nach der eigenen Infektion bis zu 14 Tage am gesellschaftlichen Leben teilgenommen, hieß es. Der Soldat vom Flughafen in Köln-Wahn hatte laut der Bundeswehr beim Karneval Kontakt zu dem schwer Erkrankten oder dessen Frau aus Gangelt.

In Nordrhein-Westfalen, wo bis Donnerstagmorgen fünf Fälle bekannt waren, suchen die Behörden nun mit größeren Aktionen nach möglichen weiteren Infizierten. In Gangelt im Kreis Heinsberg sind die rund 300 Besucher einer Karnevalsveranstaltung aufgerufen, sich bei den Behörden zu melden. Mehrere Hundert Menschen stehen dort seit heute unter häuslicher Quarantäne. Betroffen seien vor allem die Besucher der Karnevalssitzung, aber auch Personal und Kinder des Kindergartens, in dem eine erkrankte Frau beschäftigt ist. Betroffen seien zudem die Menschen, die mit diesen Betroffenen in einem Haushalt lebten, sagte der Sprecher des Kreises Heinsberg, Ulrich Hollwitz. Genaue Zahlen erhebe der Kreis nicht.

Die Leute dürften 14 Tage lang ihre Wohnungen nicht verlassen und müssten sich von Freunden, Verwandten oder Nachbarn mit Lebensmitteln versorgen lassen, die dann die Einkäufe vor der Haustür abstellten. Das funktioniere sehr gut. Außerdem müssten die Menschen in Quarantäne nach Vorgaben des Gesundheitsamtes eine Art Protokoll zu ihrem Gesundheitszustand erstellen. Das Gesundheitsamt bleibe in der Zeit in Kontakt mit den Betroffenen. 

Weitere Bundesländer betroffen

In Baden-Württemberg halten die Gesundheitsbehörden Familie, Freunde und Kollegen von vier Infizierten im Blick. Auch bei einem infizierten Soldaten, der im Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz behandelt wird und am Militärflughafen Köln-Wahn stationiert ist, suchen die Behörden nach Kontaktpersonen.

In Baden-Württemberg war am Dienstagabend ein Nachweis bei einem Italien-Rückkehrer in Göppingen bekannt geworden. Nach Angaben der Behörden steht der Fall in Zusammenhang mit zwei Nachweisen in Tübingen. Bei einem Fall im Landkreis Rottweil war ein Mann mit seiner Familie aus einem Risikogebiet, dem Ort Codogno in der italienischen Provinz Lodi, eingereist, teilte das Gesundheitsministerium am Abend mit.

Wegen des Verdachts auf eine Covid-19-Erkrankung bei einem Reisenden war am Mittwoch ein Regionalzug von Frankfurt nach Saarbrücken vorübergehend gestoppt worden. Der Mann, der von einer Italien-Geschäftsreise zurückgekehrt war, habe Symptome festgestellt, teilte das rheinland-pfälzische Gesundheitsministeriums mit. Der im Saarland wohnende Fahrgast wurde zur weiteren Klärung in ein Krankenhaus der Region gebracht.

Die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) will angesichts einer zunehmenden Zahl von Infektionen mit dem Coronavirus den Pandemie-Plan des Landes überarbeiten. Dieser sei nach Influenza-Epidemien in der Vergangenheit gut aufgestellt, sagte die Ministerin am Donnerstag dem SWR. Jetzt müsse der Plan an das neuartige Coronavirus angepasst werden.

An der Schwelle zur Pandemie

In Deutschland waren vor mehr als zwei Wochen insgesamt 16 SARS-CoV-2-Infektionen gemeldet geworden, die nicht zu weiteren bekannten Ansteckungen geführt haben. Aus weiteren europäischen Ländern wurden erste Fälle gemeldet, etwa aus Dänemark, Norwegen, Estland und Rumänien. In Italien, wo es mit mehr als 400 Infizierten und mindestens 12 Toten den größten Ausbruch Europas gibt, begab sich der Regionalpräsident der Lombardei, Attilio Fontana, in Quarantäne. Er habe mit einer Infizierten eng zusammengearbeitet, teilte er am Mittwochabend auf Facebook an.

Wegen der Ausbreitung der Lungenkrankheit Covid-19 in Südkorea verschieben die Streitkräfte des asiatischen Landes und der USA ihr Frühjahrsmanöver auf unbestimmte Zeit. In dem Land sind inzwischen mehr als 1.500 Nachweise erfasst. Die Zahl der gemeldeten Covid-19-Opfer im Iran ist nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur IRNA auf 22 gestiegen. Außerdem sind laut IRNA bis Donnerstag insgesamt 141 Menschen in 20 der 31 Provinzen des Landes positiv auf das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 getestet worden. Gleichzeitig sollen 54 Corona-Patienten geheilt und wieder nach Hause geschickt worden sein. Das Gesundheitsministerium hat den IRNA Bericht noch nicht bestätigt.

In China stieg die Zahl erfasster Infektionen auf rund 78.500, die Zahl der Toten lag in der offiziellen Statistik für Festlandchina bei 2.744. Seit einer neuerlichen Änderung der Zählweise vergangene Woche hat sich der täglich berichtete Anstieg der neuen Infektionen mit dem Virus und der Todesfälle in der Statistik Chinas deutlich reduziert. Beides wird von amtlichen Stellen gerne zitiert, wenn dazu aufgerufen wird, an anderen Orten des Landes zur Normalität zurückzukehren und die Produktion wieder aufzunehmen. Experten gehen aber von einer sehr hohen Dunkelziffer aus. 

Neue Spekulation um Ursprung der Epidemie

Die Epidemie in China wird nach Darstellung des Chefs der Expertenkommission der chinesischen Regierung, Zhong Nanshan, noch länger andauern. «Wir sind zuversichtlich, dass es Ende April im Wesentlichen unter Kontrolle sein wird», sagte der Professor am Donnerstag in der südchinesischen Stadt Guangzhou. Mit Blick auf den Ausbruch der Lungenkrankheit in anderen Ländern überraschte Zhong Nanshan mit der These, dass die ersten Infektionen zwar in China berichtet worden seien, aber der Ursprung des SARS-CoV-2 nicht unbedingt in China gewesen sein müsse. Beweise dafür legte der Experte aber nicht vor.

Eine Epidemie bezeichnet in der Regel eine Erkrankungswelle. Bestimmte Erkrankungsfälle mit der gleichen Ursache treten vermehrt auf, heißt es vom Robert-Koch-Institut. Eine Epidemie ist zeitlich und räumlich begrenzt. Für eine Pandemie gibt es keine eindeutige Definition, oft ist damit die Ausbreitung einer Krankheit über mehrere Kontinente oder weltweit gemeint.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagt, eine Pandemie sei umgangssprachlich das Auftreten eines neuen Erregers, der sich leicht von Mensch zu Mensch über den Globus ausbreitet. Dazu gehören etwa Grippeviren. Die WHO ruft aber generell keine Pandemien aus. Ihre bereits ausgerufene höchste Alarmstufe im Fall des Coronavirus ist eine «gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite».

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